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Obdachlosen Mädchen beim Neustart ins Leben helfen

Von der Straße in die Werkstatt
Verena de la Rey Swardt

AGEH-Fachkraft Verena de la Rey Swardt (56) arbeitet seit 2015 im Auftrag der schweizerischen Organisation COMUNDO in dem Projekt "Vision of Hope" für Mädchen und junge Frauen in sozialen Schwierigkeiten. Was ihren Alltag in Sambias Hauptstadt Lusaka ausmacht, schildert sie im Interview.


Eigenes Kunstwerk wird vorgestellt

Frau de la Rey Swardt, was ist "Vision of Hope"?

 

Es ist ein Projekt für Mädchen und junge Frauen zwischen 10 und 25 Jahren, die aus schwierigen Lebensphasen kommen. Sie haben harte Schicksale, wurden sexuell belästigt oder lebten auf der Straße. Rund ein Drittel hat HIV/AIDS, einige haben eine Behinderung. Wir bieten ihnen einen Unterschlupf, ein geschütztes Haus und sorgen dafür, dass sie eine Schul- oder Berufsausbildung bekommen. Manche sind bis zu vier Jahre hier. Zurzeit sind es 24 Bewohnerinnen. Außerdem gibt es zwei Frauen, die hier vor kurzem Mütter geworden sind.

 

Was ist Ihre Aufgabe?

 

Ich bin als Capacity Building Officer angestellt. Grundsätzlich bin ich also hier, um den Auf- und Ausbau von Wissen, Fähigkeiten und Strukturen des Teams zu unterstützen. Ich komme morgens oft mit einem bestimmten Plan hier an – aber der Tag verläuft dann ganz anders.


Selbstgemachte Kunstwerke werden auf dem Markt verkauft

Das heißt, je nach Situation übernehmen Sie auch andere Aufgaben?

 

Ja. Am Anfang habe ich Mädchen Lesen und Schreiben beigebracht, um sie auf die Schule vorzubereiten. Hauptsächlich war ich damit beschäftigt, sie zu Untersuchungen und Tests in die Uniklinik zu begleiten oder war dabei, wenn wir sie zurück in ihre Familien geführt haben. Ich wollte ihnen gerne Aktivitäten zeigen, mit denen sie ein Einkommen generieren können. Aber wir waren damals mitten in einem Slum tätig und hatten dafür keinen Platz. 2016 sind wir in ein Gebäude in Chamba Valley, einem ruhigeren Stadtteil umgezogen. Hier kann ich mit den Mädchen kunsthandwerkliche Sachen basteln, schnitzen und bauen, die sie auf dem Markt verkaufen können.

 

Welche Idee steckt dahinter?

 

Ganz verschiedene. Eine ist, dass die Mädchen sich öffnen. Wir erfahren sehr häufig nicht, was ihre Geschichte ist und wo sie wohnen, weil sie traumatisiert sind und Angst davor haben, uns die Wahrheit zu sagen. Wenn wir an den Mobiles basteln oder Handarbeiten machen, fangen manche an zu erzählen. Es geht uns aber auch darum, dass sie etwas gelernt haben, wenn sie in ihre Community zurückgehen und darauf aufbauen können.


Verena de la Rey Swardt und junge Frauen beim Schleifen

Wie viele Kolleginnen haben Sie?

 

Das Team besteht aus sieben Leuten. Wir haben einige Hausmütter, die die Hausarbeit machen. Die Übrigen sind ausgebildete Betreuerinnen, sie übernehmen die psychosoziale Betreuung der Mädchen. Das habe ich auch eine ganze Weile gemacht. Jetzt arbeite ich besonders eng mit einer sambischen Kollegin in dem kleinen Crafthouse zusammen, unserer Werkstatt für das Kunsthandwerkprojekt.

 

Warum ist die Unterstützung durch eine externe Fachkraft nötig?

 

Ich denke, es ist wichtig für die Mädchen, dass sie auch Betreuerinnen aus dem Ausland haben, weil diese eine andere Perspektive mitbringen. Es ist immer etwas anderes, wenn eine Person Ideen anstößt, die nicht in der eigenen Gesellschaft verwurzelt ist. Man begegnet ihr anders, da ist manchmal einiges möglich. Jedenfalls lernt man ständig voneinander, ich genauso von ihnen, wie sie von mir.


Junge Frau stellt Holzskulptur her

Was hat sich in dem Projekt durch Sie geändert?

 

Die Kunstwerkstatt und die Bastelarbeiten sind meine Initiative gewesen. Wenn ich nicht da wäre, würde das nicht stattfinden. Mitte Dezember 2016 konnten wir einen bekannten sambischen Künstler dazu gewinnen, uns in der Herstellung von Holzskulpturen zu unterrichten. Man stelle sich vor, diese Gruppe wird das erste Frauenteam in ganz Sambia sein, das Holzskulpturen herstellen kann!

 

Welche Ausbildung haben Sie und wie leben Sie hier?

 

Ich bin Schauspielerin und Regisseurin, habe ein Diplom in der Erwachsenenbildung und bin Deutschlehrerin für Fremdsprachige. Zurzeit mache ich eine Zusatzausbildung in Coaching und Psychologie. Ich habe fünf Minuten von der Einrichtung entfernt in einer ruhigen Wohngegend ein Zwei-Zimmer-Haus und fühle mich da wohl. Dort lebe ich allein: Ich bin geschieden und habe drei Söhne; einer lebt und arbeitet in Deutschland, die anderen studieren in Südafrika. Leider habe ich noch zu wenig vom Land sehen können. Kürzlich war ich aber mal an den Victoriafällen.

 

Interview: Carmen Molitor / Fotos: Verena de la Rey Swardt