Kontakt
Newsletter
Impressum

Mit behinderten Kindern im Kongo arbeiten

Zwischen Modenschau und Hexenglaube
Begehrte Fachkraft: Jost Pieper mit Kindern im Büro

Als Schauspieler hat Jost Pieper einige Jahre in deutschen Fernsehserien mitgespielt. Doch seine Faszination für Afrika hat ihn nie losgelassen. Schon nach der Schule unterstützte er ein Slumentwicklungsprojekt in Kenia. Nach einem Aufenthalt in Norduganda entdeckte er die Theatertherapie für sich und darin die Möglichkeit, Kreatives mit Sozialem zu verbinden. Seitdem arbeitet er im Kinderkrankenhaus "Pédiatrie de Kimbondo" im Kongo.

 


Auf Tischen und Bänken: Mittagessen im "Casa Patrick"

Wo liegen die Arbeitsschwerpunkte der Fondation Pédiatrique de Kimbondo?

 

Das in den 80er Jahren gegründete Kinderkrankenhaus am Rande der Metropole Kinshasa mit rund 200 Mitarbeitern wird ausschließlich durch Spenden finanziert und ist für die medizinische Versorgung hauptsächlich ärmerer Familien zuständig. Daneben gibt es ein großes Waisenhaus mit insgesamt acht Häusern, in denen zurzeit knapp 500 Kinder und Jugendliche untergebracht sind. Der Pavillon "Casa Patrick" beherbergt Kinder und junge Erwachsene mit körperlichen und / oder geistigen Behinderungen sowie mit chronischen Krankheiten, darunter sind viele Epileptiker. Dort arbeite ich seit sechs Jahren zusammen mit der kongolesischen Pavillon-Chefin in einem Leitungsteam. Seit 2015 läuft meine Mitarbeit über einen AGEH-Vertrag, die von Misereor finanziert wird. Obwohl einige Kinder tatsächlich keine Eltern mehr haben, wurden die meisten jedoch von ihren Familien wegen ihrer Behinderung verlassen.


Ein Junge malt Bilder im Sand

Das heißt, Menschen mit Behinderung erfahren eine direkte Ausgrenzung?

 

Die Situation von Menschen mit Behinderungen in der Demokratischen Republik Kongo ist mehr als prekär. Es gibt keine staatliche Unterstützung oder ein Netzwerk von Einrichtungen und Organisationen, die sich um deren Bedürfnisse kümmern, so wie wir es in Europa kennen. Die große Masse der Bevölkerung lebt ohne wirkliche soziale und ökonomische Sicherheit. Familienmitglieder, die auf lange Sicht nichts zum gemeinsamen Einkommen beitragen, werden als nicht tragbare Belastung empfunden. Gravierender aber noch zeigt sich das Problem auf der sozialen Seite: Besonders geistig behinderte Menschen werden stigmatisiert, sie werden als Opfer von Hexerei oder gar selbst als Zauberer oder Hexen bezeichnet. Einrichtungen wie die Pädiatrie von Kimbondo gibt es sehr wenige, und selbst innerhalb unserer Institution müssen wir oft unsere Bewohner gegen diesen Hexenglauben verteidigen.


Spiele-Workshop mit Bewohnern und Angestellten

Wie sieht Ihr Arbeitsalltag aus?

 

Als gelernter Theatertherapeut bin ich Vermittler zwischen den Bedürfnissen der verschiedenen Gruppen. Dabei hat meine Arbeit weniger mit Therapie zu tun, als vielmehr mit Kommunikation und Organisation. Dazu gehört die Unterstützung der verschiedenen Teams des Hauses. Es gibt Krankenschwestern, Physiotherapeuten, Erzieher und die sogenannten "Mamans", eine Mischung aus Reinigungs- und Pflegekraft. Daneben koordiniere ich Reparaturen und Modernisierungen im und am Haus. Wir schauen natürlich auch, dass die Teams ihre Aufgaben erledigen, machen Dienstpläne und haben regelmäßige Treffen mit den Mitarbeitern. Ich komme als Mediator ins Spiel, wenn es Streitigkeiten gibt oder Dinge nicht kommuniziert werden. Mein besonderes Anliegen ist die Unterstützung des Erzieher-Teams, das während meiner Zeit hier und durch mein Mitwirken erst entstanden ist. Mit ihnen suche ich stets nach Möglichkeiten, trotz begrenzter Mittel und vor allem sehr begrenztem Personal, eine bestmögliche Förderung für die Kinder und jungen Erwachsenen zu bewerkstelligen.


Pavillon-Chefin Maria mit einem jungen Bewohner, im Hintergrund das "Casa Patrick"

Was hat sich durch Ihre Mitarbeit bisher verändert?

 

Wenn ich mich erinnere, wie es 2011 hier aussah, haben wir seitdem einiges geschafft. Damals war die Personaldecke noch dünner als heute, es gab keine Erzieher, keine Aktivitäten für die Bewohner. Die Mitarbeiter empfanden es als Bestrafung, hier arbeiten zu müssen. Wir sind zwar immer noch weit von einer Modelleinrichtung entfernt, aber heute empfangen wir zum Beispiel die Gäste der Pädiatrie bei uns im Pavillon, darunter Minister und Bürgermeister. Wir sind ein bisschen zur Visitenkarte der Einrichtung geworden. Die Bewohner erfreuen sich der sehr unterschiedlichen Aktivitäten, und es existieren Eltern-Kind-ähnliche Beziehungen zwischen Betreuern und Bewohnern. Umgeben von einer Gesellschaft, in der das "Andere" und "Fremde" in Form von Krankheiten und Behinderungen oft abgelehnt wird, versuchen wir immer wieder, die Vielfalt, das Anderssein zu zelebrieren.


Interview anlässlich eines neuen Schreibtischs

Was macht Ihnen besondere Freude, was hingegen ist schwierig?

 

Besondere Freude machen mir nach wie vor unsere Bewohner. Sie sind ganz besondere Menschen, die, trotz des Leides, das sie durch die Trennung von ihren Familien erfahren haben und ihrer Einschränkungen, fröhlich sein können. Sie sind dankbar für das Wenige, was wir ihnen hier an Aufmerksamkeit, menschlicher Nähe und Erziehung bieten können. Wenn ich sehe, wie sich einige von ihnen auch mit diesen begrenzten Mittel und Möglichkeiten entwickeln, wenn Freude und Ausgelassenheit an einem Ort herrschen, der eigentlich das Abstellgleis für ausgestoßene Kinder ist, dann macht mich das glücklich.


Modenschau à la "Casa Patrick"

Darüber hinaus freut es mich, wenn ich das Gefühl habe, mit den Kollegen an einem Strang zu ziehen. Das ist leider nicht immer der Fall. Oft gibt es unterschiedliche Vorstellungen, wie etwas umzusetzen ist oder es wird nicht offen über bestimmte Sachverhalte geredet, sodass man sich in Diplomatie üben muss. Wenn es aber gute und machbare Vorschläge gibt und ich bei der Umsetzung helfen kann und etwas gelingt, ist das toll. So war das bei unserer mittlerweile zum Ritual gewordenen Modenschau. Es ist ein großartiger Moment für manchen sonst eher schüchternen Bewohner, sich stolz auf einer Bühne zu präsentieren.

Bei allem Unvorhergesehenen habe ich aber gelernt, nicht frustriert zu sein, wenn etwas anders läuft als geplant. Schwierig wird es natürlich dann, wenn es um die Gesundheit und Sicherheit der Bewohner geht. Wir hatten schon viele Notsituationen, Krankheiten und besonders im Jahr 2016 eine ganze Reihe von Todesfällen. Im Zusammenspiel mit der allgemein hohen Arbeitsbelastung war das extrem bedrückend. In solchen Momenten habe ich mich ungemein ohnmächtig gefühlt, auch wenn im Nachhinein betrachtet, meine Präsenz hier wichtig war.

 

Text und Fotos: Jost Pieper / Bearbeitung: Theresa Meier