Kontakt
Newsletter
Impressum

Friedensbotschaften zu den Konfliktparteien bringen

Naturfaktoren bilden den Ursprung für Konflikte
Treffen der Community.

Turkana ist die flächenmäßig größte Region im Norden Kenias. Traditionell treiben nomadische Hirten ihr Vieh durch die weiten Gegenden, die durch Knappheit an Wasser und Weideland gekennzeichnet sind. Diese Naturfaktoren bilden den Ursprung für jahrhundertealte Rivalitäten und gewaltsam ausgetragene Konflikte der örtlichen Gemeinschaften. Die rund 900.000 Turkana leben überwiegend von ihrem Vieh, vom Fischfang oder vereinzelten landwirtschaftlichen Aktivitäten.


Jens Künster mit Vater Victor Mwekwasize (1.v.r.) und Major Mapema (2.v.r.).

Bereits seit der Kolonialzeit ist Turkana vom Rest Kenias infrastrukturell ebenso wie "in den Köpfen" der meisten Kenianer von den anderen Gebieten abgeschnitten. Mit einer Armutsrate von 94,5 Prozent ist sie die sozio-ökonomisch ärmste Region Kenias. Erst seit der Dezentralisierungsreform 2013 fördert die Zentralregierung die Region an der Grenze zu Uganda, dem Südsudan und Äthiopien. Das vorhandene Konfliktpotenzial erhöht sich durch den Bürgerkrieg im angrenzenden Südsudan, vor dem viel Menschen nach Kenia fliehen, sowie durch die anlaufende Ausbeutung von Ölreserven, die erst kürzlich in Turkana gefunden wurden. Die Folge: Ölfirmen kaufen das traditionell von Hirten genutzte Land auf, lokale Gemeinschaften werden oftmals ohne Entschädigung vertrieben.


CJPC-Koordinator Dennis Esekon und Jens Künster.

In diesem komplexen Konfliktszenario in Turkana arbeitet Jens Künster seit etwas über einem Jahr als ZFD-Fachkraft der AGEH bei der Kommission für Gerechtigkeit und Frieden (CJPC) in der Diözese Lodwar. Die CJPC fördert das friedliche Zusammenleben der Menschen Turkanas, sowie ihrer Nachbarn in den Anrainerstaaten.

Jens Künster unterstützt die Planung und Koordination der Abteilung und fördert insbesondere ein Programm für grenzüberschreitende Friedensarbeit. Um die Partnerorganisation zu stärken, ist Jens Künster überwiegend im Bereich der Organisationsentwicklung aktiv. Die Diözese benötigt die Unterstützung der AGEH-Fachkraft, insbesondere in den Bereichen Öffentlichkeits- und Netzwerkarbeit; Planung, Monitoring und Evaluierung; sowie im Fundraising.

 

"Meine Aufgabe ist es, Strukturen zu stärken und das Personal der Partnerorganisation in die Lage zu versetzen, ihre Arbeit effizienter zu verrichten", sagt der Experte für Organisationsentwicklung. Da heißt es, durch Gespräche und Beobachtung herauszufinden, "wo der Schuh drückt", um dann sowohl durch Trainings, wie auch Einzelgespräche die identifizierten Lücken zu schließen und maßgeschneiderte Instrumente zu entwickeln, beispielsweise für Planung, Monitoring und Evaluierung. Ähnliches gilt auch in der Öffentlichkeitsarbeit. Dort hat sich schon einiges geändert. Die geschulten Kollegen verfassen jetzt selbst Beiträge für unterschiedliche Medien und neben einem Facebook- und Twitter-Account gibt es einen regelmäßig erscheinenden Print-Newsletter der Diözese mit aussagekräftigen Artikeln über die Aktivitäten der CJPC. Ein erster Schritt zu einer angestrebten intensiveren Medienarbeit, die letztlich u. a. zur Stärkung des Fundraisings beitragen soll.

 

Sich selbst sieht Jens Künster dabei als Manager in der zweiten Reihe: "Mein eigener Anspruch verlangt von mir, dort meine Energie zu investieren, wo ich erstens das größte Potential für positive Veränderung meiner Partner sehe, sowie zweitens darauf zu achten, dass ich das Team meiner lokalen Kollegen bestmöglich ergänze und stärke, anstatt andere zu verdrängen."


Jugendliche Pastoralisten.

Seit seiner Ankunft im Projekt hat er sich in erster Linie dem Cross Border Peace Programm verschrieben, das in Kooperation mit der Partnerdiözese Kotido (Uganda) und dem dortigen AGEH-Gegenpart zunächst mit Friedensmessen und Dialogtreffen in Dörfern entlang der Grenze begann. Um dortige Konflikte zu lösen, bedarf es einer grenzüberschreitenden Intervention, die seitens der Nationalstaaten kaum geleistet werden kann, erklärt Jens Künster. "Einzig die Kirche hat das Potenzial, grenzüberschreitende Friedensarbeit wirkungsvoll zu betreiben. Das passiert im Rahmen religiöser Anlässe und durch die gezielte Platzierung solcher Botschaften im Rahmen anderer Aktivitäten wie Sports for Peace, Cultural Festivals, Theater-, Musik- und Tanzveranstaltungen."

 

So ist ein im Rahmen des Cross Border Programmes durchgeführter Gottesdienst nicht "irgendein" Gottesdienst, sondern mit dem Priester vor Ort wird besprochen, auf welche Aspekte der katholischen Soziallehre und auf welche Friedensbotschaften er eingeht."

 

Der gelernte Geograf Jens Künster freut sich, dass mittels der neu etablierten Monitoring Werkzeuge die Zielgruppenorientierung der CJPC verbessert werden konnte: "Stellen wir fest, dass unsere Aktivitäten nicht die richtigen Adressaten erreichen, so ändern wir wenn nötig die Herangehensweise." So begann die cross border Kooperation zunächst mit Friedensmessen und Dialogtreffen für die Gemeinden in lokalen Zentren entlang der Grenze. Nachdem identifiziert wurde, dass die Verursacher von Gewalt kaum an solchen Veranstaltungen teilnehmen, wurde der Ansatz geändert: Fortan wurden diese gezielt angesprochen und die Aktivitäten fanden in ihren Siedlungen statt. Seither bringen sich sowohl die traditionellen Führer, als die Warriors aktiv in die Planung und Durchführung weiterer Treffen ein. Die Fähigkeit, flexibel auf die Bedarfe der Zielgruppen einzugehen, erhöht somit die Wahrscheinlichkeit einer nachhaltigen Wirkung.


Plantraining in Lodwar.

"Wir nutzen die Strukturen der Kirche und bilden lokale grenzüberschreitende Kooperationen, die in der Summe ein internationales Problem bearbeiten. Hier werden wir AGEH-Fachkräfte zu Brückenbauern", erklärt Jens Künster. Dabei gilt: "Wir heben Friedensbotschaften hervor, müssen jedoch gleichzeitig sicherstellen, dass es in den Austauschtreffen um die Themen geht, welche die Zielgruppen in ihrer Lebenswirklichkeit tangieren." Das funktioniert am besten, wenn die Teilnehmer selbst erörtern wie es zum Ausbruch von Gewalt kommt, und wie dem begegnet werden kann. "Der getroffene Konsens ist dann nicht von außen aufoktroyiert, sondern wird von den lokalen Gruppen getragen und respektiert."


Jens Künster während einer Sensibilisierung der Dorfbewohner.

Um erfolgreich Wandel zu bewirken, muss die Fachkraft jederzeit höchst kultursensibel agieren: Ein deutsches Konzept von konstruktiver Kritik ist bei den Turkana unbekannt erklärt Künster: "Um hier keine Beziehungen zu zerrütten, braucht es Diplomatie und Geschicklichkeit, um gemeinsam auf potenzielle Lösungen zu kommen, ohne dass jemand Gefahr läuft, sein Gesicht zu verlieren." Deshalb ist er glücklich, dass sich zunehmend Vertrauen aufbaut und er von seinen Kolleg/-innen anerkannt und wertgeschätzt wird. Denn die Herausforderungen, denen sich das kleine Team der CJPC stellt, sind überwältigend. Doch Künster verweist hier gerne auf die Worte der indischen Diplomatin Vijaya Lakshmi Pandit: "Je mehr wir für den Frieden schwitzen, desto weniger bluten wir im Krieg." Diese Weisheit dient Jens Künster täglich als Motivation bei seinem Engagement für Gerechtigkeit und Frieden in Turkana.

 

Text: E. Schäfer, Fotos: Jens Künster