Kontakt
Newsletter
Impressum

Sexualpädagogik im Kongo

Bewussten Umgang schaffen
Sexualkunde mit Mädchen der Berufsschule

Über ein sensibles Thema offen sprechen, das ist eine Aufgabe, die die gelernte Krankenschwester Isolde Böttger in Kinshasa im Kongo seit knapp einem Jahr übernimmt. Für die Partnerorganisation "Petite Flamme" schult sie Lehrer/-innen im Bereich Sexualpädagogik und Gewaltprävention.

 

"In Sachen Sexualpädagogik herrscht hier ein großes Unwissen, sowohl auf Schüler- als auch auf Lehrerseite.


Isolde Böttger besucht eine der 14 Schulen von "Petite Flamme"

Gleichzeitig gibt es eine hohe Rate von Früh-Schwangerschaften, Abtreibungen, sexuellen Missbrauchs, sowie Geschlechtskrankheiten", erklärt Isolde Böttger.

 

Zu dem Sozialprojekt  "Petite Flamme" gehören 14 verschiedene Schulen an zehn Standorten. Insgesamt werden dort ungefähr 1800 Kinder aus Slums unterrichtet. Neben Kindergarten und Grundschule gibt es sogenannte "Aufholschulen", in denen älteren Kindern, die bisher keine Schulausbildung genießen konnten, ein Intensivkurs angeboten wird. In drei Jahren lernen sie die ganzen Unterrichtsinhalte der Grundschule. Außerdem gibt es eine Schule für Blinde und Gehörlose. Die insgesamt 110 Mitarbeiter gehören alle der christlichen Fokolar-Bewegung an, die das Projekt gegründet hat und die weltweit aktiv ist. In einer dazugehörigen christlichen Lebensgemeinschaft ist auch Isolde Böttger zuhause.


Isolde Böttger im Gespräch mit ihren beiden Leitungskollegen

Zusammen mit zwei kongolesischen Kollegen bildet sie das Leitungsteam der "Petite Flamme". "Dies hat sich als sinnvoll erwiesen, um verschiedene Zusammenhänge zu verstehen und gewisse Veränderungen vornehmen zu können." So pflegt unsere Fachkraft, die im Rahmen des Programms "Dialog und lebendige Partnerschaft" (DLP) im Kongo tätig ist, auch den Kontakt zu den europäischen Partnern.

 

Vor Ort hat sie in den ersten Monaten damit begonnen, selbst Erfahrungen auf dem Gebiet der Sexualpädagogik in Kinshasa zu sammeln. "Das bedeutet, dass ich Unterrichtsstunden beziehungsweise Lehrerfortbildungen besuche, um die einheimische Art der Wissensweitergabe zu verstehen." Zusammen mit zwei Lehrern erarbeitete Isolde Böttger ein erstes Programm für einen Crashkurs in Sexualpädagogik und führte diesen mit den Schulabgängern der Grund-, Sonder- und Aufholschulen durch. Außerdem sucht sie die Zusammenarbeit mit der nationalen Stelle für die "éducation á la vie" (Erziehung zum Leben). Dort wurde lokal angepasstes Material u. a. zur Sexualpädagogik entwickelt, um so das Thema "Sexualität" entsprechend vermitteln zu können.


"Mein Körper gehört mir" - Sexualpädagogik mit Isolde Böttger

Die gelernte Krankenschwester gibt selbst 70 Mädchen im Alter von 15 bis 25 Jahren einen wöchentlichen Kurs in der Berufsschule für Schneiderinnen.

 

"Nach meinem Unterricht dort, kamen schon mehrmals Mädchen mit dem Vorsatz auf mich zu, ihren Umgang mit Sexualität zu ändern. Viele versuchen, sich durch Prostitution etwas Geld dazu zu verdienen, oder meinen, der Mann, der ihnen Geld dafür gibt, würde sie lieben. Sie sind sich der Konsequenzen nicht bewusst. Deswegen haben wir zusammen mit dem Lehrerpersonal vor Ort versucht, Möglichkeiten zu finden, mit denen die Mädchen etwas Geld verdienen können, ohne dabei ihren Körper zu verkaufen."


Der tägliche "Guten Morgen"-Gruß

Es ist die direkte Arbeit mit den Kindern und Jugendlichen, die Isolde Böttger am meisten Freude bereitet. "In der Berufsschule spüre ich oft sofort die Auswirkungen meiner Arbeit."

 

Herausfordernd sei es jedoch, ganz an die Menschen heranzukommen. Viele sprächen nur wenig oder schlechtes Französisch. Eine grundsätzliche und überall vorherrschende Schwierigkeit sei die weitverbreitete Armut im Land. "Alle Menschen, die mich umgeben, erwarten eine finanzielle Unterstützung. Die schlechten äußeren Umstände - keine Stromversorgung, nur wenig vorhandenes Unterrichtsmaterial und ständige Überschwemmungen während der Regenzeit - beherrschen im großen Maße den Arbeitsalltag. Die politische Lage ist äußerst instabil und gewaltsame Ausschreitungen, Diebstähle und auch Morde sind keine Seltenheit und sorgen für ziemlich angespannte Lebensverhältnisse."


Isolde Böttger sucht immer den direkten Kontakt zu den Schülern

Als "Weiße" ist Isolde Böttger für die Menschen vor Ort eine Hoffnungsträgerin. Sie selbst sieht das als Chance: "So kann ich Dinge anstoßen, hinterfragen beziehungsweise auch europäische Vorstellungen ein Stück weit übersetzen. Ich sehe, dass ich dadurch Lebenschancen einzelner Menschen verbessern kann.

 

Lange Zeit hatte ich schon den Wunsch, in ein afrikanisches Land zu gehen, denn ich wollte denjenigen Menschen nahe sein, die - für uns Europäer - in so unvorstellbaren Verhältnissen leben. Die afrikanische Mentalität, die dabei auch etwas 'Leichtes' mit sich bringt, hat mich dabei immer angezogen. Die Zeit hier erlebe ich als eine enorme Horizonterweiterung, wenngleich sie mir auch meine Grenzen bewusst macht, die ich in den nächsten zwei Jahren gerne noch weiten möchte."

 

Text und Fotos: Isolde Böttger / Bearbeitung: Theresa Meier