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Mit Sozialkartographie gegen Landkonflikte

"Es ist wichtig in Kolumbien kleine NGO’s und Basisgruppen zu stärken"

Der Geograph Fabian Singelnstein arbeitet seit 2015 bei der Umweltorganisation Censat Agua Viva. Censat unterstützt Dörfer/Gemeinschaften ihre Rechte bei der Land- und Wassernutzung durchzusetzen. Fabian Singelnstein vermittelt Methoden, mit denen die Landbevölkerung ihre Interessen gegenüber Unternehmen vertreten kann.

 

Fabian Singelnstein (links) mit Unterstützern der Volksabstimmung "Nein zur Erdölförderung - Ja zum Wasser" in Cumaral/ Meta.

Wo arbeiten Sie und wie sieht  Ihre Arbeit konkret aus?

 

Die NGO Censat Agua Viva widmet sich umweltpolitischen Themen mit dem Schwerpunkt auf sozioökologischen Konflikten. Ich arbeite als Geograph in unserem Büro in Bogotá. Unsere 15 Mitarbeiter/-innen begleiten Basisorganisationen in acht ländlichen Departments Kolumbiens. Das ist das Herzstück dieser Organisation und funktioniert großartig. Ich begleite ein Bildungsprojekt im Department Meta, bei dem wir mit 20 Umweltktivist/-innen aus städtischen und ländlichen Zusammenhängen zusammenarbeiten.


Netzwerkbildung ist wichtig, um lokale Gemeinden zu stärken.

Dabei geht es um Extraktivismus, also die Förderung von Rohstoffen, sowie Partizipation und territoriale Selbstbestimmung der Bevölkerung. Die lokalen Gemeinden sollen vor allem gestärkt werden, damit sie ihre Interessen selbst vertreten können. Das ist die Basis für einen dauerhaften Frieden. Ich unterstützte CENSAT bei Teamsitzungen, der Aktualisierung der Homepage, Workshops und Seminaren und bei Artikeln. Im Bereich der Kartographie leite ich eine Lerngruppe zum Umgang mit GIS-Software und eine Arbeitsgruppe zur Anwendung von Sozialkartographie in der Erinnerungsarbeit.


Unternehmensinteressen versus Dorfinteressen: anhand der gemalten Karte zeigen Bewohner „Unsere Alternativen für das Gebiet“.

Warum braucht es in Kolumbien eine ausländische Fachkraft?

 

Censat arbeitet seit 28 Jahren eng mit lokalen Organisationen und Gemeinden zu umweltpolitischen Themen. Der Rohstoffabbau von Kohle, Erdöl, Gold, aber auch die Energiegewinnung durch Staudammprojekte erzeugen neue Konflikte. Dabei unterliegen die lokalen Gemeinden oft  den wirtschaftlich und politisch mächtigen Unternehmen. Censat will die Gemeinden befähigen für ihre Interessen selbst einzustehen. Das geht nicht ohne kartographische Kenntnisse und Methoden. Ich vermittle sie an Multiplikatoren, damit sie direkt mit den Gemeinden arbeiten und diese später selbständig mit der Technik umgehen können.


Gruppendynamisch kommunizieren: Mit geschlossenen Augen im Kreis stehend, versucht die Gruppe mit dem Seil ein Rechteck zu bilden.

Woran zeigt sich, dass Ihre Arbeit für Ihre Organisation wirksam ist?

Wir lernen von einander und arbeiten vertrauensvoll zusammen. Meine Kolleg/-innen sind mit den anspruchsvollen Kartographien nun vertrauter und wenden sie oft an. Prozessbegleitende Bildungsarbeit ist im Department Meta inzwischen fester Teil aller Aktivitäten von Censat. Und unsere Arbeitsplanung fußt erfolgreich auf konstanten gegenseitigen Absprachen mit den Projektkoordinator/-innen. Ich genieße die Teamarbeit sehr. Sie ist bei CENSAT wirklich wichtig.


Unterwegs von Meta nach Cordoba. Die Basisgruppen Escuela Compadre Bototo und ASPROCIG wollen Erfahrungen austauschen. Letztere arbeiten vor allem zum Ökosystem der Mangrovenwälder im Sinudelta.

Wie erging es Ihnen am Anfang bei Ihrer Partnerorganisation?

Die ersten 6 Monate waren schwierig, weil die Integration einer internationalen Fachkraft in eine lokale Partnerorganisation immer auch ein Unruheherd/Konfliktpotential ist. Aber wir schaffen es inzwischen meistens durch Konflikte innerhalb des Teams konstruktiv zu lernen. Das ist elementar für unsere heutige offene und vertrauensvolle Zusammenarbeit.


In der Kleingruppe wird ein Teil der Projektplanung 2018 gemacht.

Warum haben Sie sich für die Entwicklungszusammenarbeit entschieden?

 

Ich glaube fest daran, dass Kolumbien mit seiner gegenwärtigen politischen Lage sehr viel Unterstützung braucht. Für besonders wichtig halte ich es zivilgesellschaftliche Akteure, also kleine NGO’s und Basisorganisationen bei ihren Aktivitäten zu stärken.

 


"Warum verreise ich und was nehme ich mit." Im Rollenspiel lässt sich spielerisch Aktionsplanung üben.

Wie sind das Leben und der Alltag in ihrem Gastland?

Der Wechsel von Berlin nach Bogota war herausfordernd. Insbesondere für unsere Kinder waren die eingeschränkten Freiräume im öffentlichen Raum gewöhnungsbedürftig. Andererseits sind wir dadurch als Familie oft gemeinsam unterwegs und können diese Zeit  sehr genießen.

 

 

Interview: Theresa Meier/Bearbeitung: Ursula Radermacher, Fotos: Escuela Compadre Bototo/Kolumbien