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Als Beraterinnen auf Zeit in Kenia

Die Schule läuft auf einem Esel mit
Theresa Schaller und Ruth Würzle

Theresa Schaller und Ruth Würzle sind Schulentwicklerinnen und Lehrerinnen aus Leidenschaft. Und doch unterrichten sie nicht an einer Schule im herkömmlichen Sinn. „Ihre“ Schulen finden unter Bäumen statt, wird von Pastoralisten geführt und wandern gemeinsam mit den Schulkindern auf den Rücken von Eseln. Die beiden sind seit 2018 Beraterinnen auf Zeit (BAZ) der AGEH und arbeiten abwechselnd in Deutschland oder Kenia. Wenn die beiden nicht in Kenia sind, entwickeln sie neue Lerninhalte, Lehrertrainings  oder didaktisches Material und Erklärvideos. Für die Kinder des Pastoralistenvolk der Daasanach entwickelten sie ein mobiles Schulsystem in Illeret/Nordkenia. Mit dem Missionsbenediktiner Pater Florian arbeiten sie aktuell an der praktischen Umsetzung der mobilen Schulen in Nordkenia, die vom Illeret Nomadic Education System (INES) getragen werden.


Perlen sind bei den Daasanach fester Bestandteil der Kultur.

Die beiden Frauen lernten sich an der Universität Regensburg kennen, wo sie Lehramt für Realschulen studierten. Parallel dazu forschten sie in Projekten zu alternativen Lernsystemen an ihrer Uni. Darunter war auch bereits das INES Projekt, das vom Orden der Missionsbenediktiner in St. Ottilien unterstützt wird. In Illeret gibt es seit 2002 ein Benediktinerkloster, wo Pater Florian im engen Kontakt mit den Daasanach lebt.  Sie ziehen seit Jahrtausenden durch die Savannen rund um den Turkanasee und leben in Foras, in rund aufgestellten Hütten umgeben von einer Dornenhecke. Ihre Kinder besuchten bisher keine Schule, weil dies mit dem Nomadenleben unvereinbar ist.


Lehrer arbeitet mit kleiner Schülergruppe.

Und hier kommen Theresa Schaller und Ruth Würzle wieder ins Spiel. Während des Studiums lernten sie das indische Lernleitersystem (MultiGradeMultiLevel-Methodology) kennen. Es ermöglicht, geleitet durch Bilder und Symbole,  individuell zu lernen, ohne dass zunächst Schriftkenntnis nötig ist. Daraufhin folgten Gespräche mit Pater Florian und den Daasanach, um deren Kultur und Bedürfnisse kennenzulernen. Theresa Schaller und Ruth Würzle passen seither das indische Lernleitersystem an die Anforderungen einer wandernden Schule an. Und sie integrierten in den kenianischen Lehrplan Elemente der Daasanach-Kultur.


Mobile Schule unter einem Baum

Wo die Daasanach gerade sind, findet die Schule unter einem Baum in der Savanne statt, an dem die Lernleitern aus Stoff hängen. Das einzelne Kind kommt unter den Baum, wenn es seinen Anteil an der Familienarbeit, in der Regel das Hüten der Tiere, erledigt hat. Im System Lernleitern lernt jede(r) im eigenen Tempo und am Ende eines Lernschrittes wird das Gelernte evaluiert. Jedes Kind hat einen eigenen Perlenanhänger an der Lernleiter befestigt, wo es gerade steht. Auch wenn es auf dem Anhänger seinen Namen noch nicht lesen kann, erkennt es an der Farbkombination der Perlen seinen Anhänger.


Symbole zeigen, wo das Material zu den Lernschritten in den Gepäcktaschen des Esels zu finden ist. Die Symbole stammen aus dem Leben der Kinder. In jedem Kral auf der Lernleiter begegnen die Kinder einem Thema, z. B. einen neuen Buchstaben. Das Kind bewegt sich im Kral schrittweise voran. Bei jedem Schritt ist angezeigt, ob einzeln, zu zweit in Gruppen oder mit dem Lehrer gelernt wird. Lernschwerpunkte sind Schrifterwerb, Mathematik und Lebenskunde (life studies) jeweils mit einer eigenen Lernleiter.


Ruth Würzle zeigt einer Schülergruppe die Lernleiter.

Materialien wie Ziegenfell und Perlen gehören zur Daasanach-Kultur. Ihr Vorteil ist, dass sie wasser- und hitzebeständig sind, deshalb nutzten Ruth Würzle und Theresa Schaller sie beispielsweise für Zahlenkarten aus Fell. Daasanach-Frauen bestickten die Fellstücke mit Perlen in Zahlen- oder Buchstabenform. Holzklötzchen und Perlen werden für Zahlenstangen verwendet. Das Lernmaterial kann komplett eingerollt und in mehreren Taschen auf einem Esel verstaut werden, damit die Schule mitwandern kann.


Theresa Schaller und Ruth Würzle bilden auch die zukünftigen Lehrer aus.

Der Kontakt nach Nordkenia war nicht die erste Begegnung der beiden Frauen mit einem afrikanischen Land. Ruth Würzle ist in Kenia aufgewachsen und Theresa Schaller arbeitete als Freiwillige in einem Montessorikindergarten in Tansania. Beide setzten Lernleitern auch schon während ihres Studiums in deutschen Schulen ein. Viele Lehrer und Schüler waren begeistert, weil durch dieses Lernsystem jeder in seinem Tempo ans Ziel kommt.

 

Fotos: Ruth Würzle und Theresa Schaller, Text: Ursula Radermacher