Kontakt
Newsletter
Impressum

Arbeit mit extrem traumatisierten Frauen

Gerechtigkeit heilt
Psychosoziale Arbeit mit Frauen in Villavicencio

Für mehr Gleichberechtigung und gegen Gewalt: Am 8. März wurde der Internationale Frauentag begangen und sich für die Rechte der Frauen weltweit eingesetzt, denn noch viel zu oft sind diese in Gefahr. Im Blick: Kolumbien. Dort findet politische Gewalt und Opferwerdung trotz offizieller Friedensbekundungen immer noch statt, jedoch außerhalb der großen Städte.


Das erfahrene Leid thematisieren

Vergewaltigung und sexualisierte Gewalt sind dabei stets Mittel der Kriegsführung und Strategie in der Bekämpfung von Widerstand. Sie zielen auf die direkte Zerstörung von Frauen und auf die indirekte Zerstörung von sozialen und gemeinschaftlichen Strukturen. Mit einer Vergewaltigung werden nicht nur Frauen gedemütigt, sondern auch ihre Familien. Die meisten Gewalttaten gegen Frauen im Kontext der bewaffneten Auseinandersetzungen finden auf den Dörfern und in kleinen Städten statt. Bis heute werden dort die Ehre des Mannes und des sozialen Verbandes über den Körper der Frau definiert.

 

Sexualisierte Gewalt erzeugt extreme Gefühle der Beschämung und der Erniedrigung, sowohl bei den Opfern als auch bei ihren Angehörigen. Diese versuchen sich dagegen zu schützen, indem sie die Frauen stigmatisieren und ausgrenzen. Doch unabhängig von der sozialen Tabuisierung sexualisierter Gewalt ist es den Frauen selber psychisch oft nicht möglich, die erlittene Gewalt zu benennen und anzuklagen. Weil sie in ihrem intimsten Kern getroffen worden sind, fällt es ihnen schwer, sich gegen den Angreifer zu wehren.

 

Eine Vergewaltigung setzt sich im Körper und den Gedanken fest. Entsprechend kann das Leid nur schwer wieder in die Öffentlichkeit verlagert werden. Stattdessen drücken viele Frauen ihre Verletzung in autoaggressivem Verhalten oder gegenüber ihren Kindern aus.


Ländliche Region Kolumbiens

Der Bezirk Meta und die patriarchale Kultur


Die Gegend wird als Zentrum Kolumbiens bezeichnet und ist benannt nach dem Fluss Meta. Das Gebiet umfasst die Fläche Österreichs und kann jeweils 300 km südlich und östlich der Hauptstadt Bogotá festgelegt werden. Ihre Hauptstadt ist Villavicencio. Die Haupteinnahmequellen der Menschen setzen sich aus der Rinderzucht und der Landwirtschaft zusammen. In den Werbebroschüren über Kolumbien wird das Leben mit einem Cowboybild sowie folklorischer Musik angepriesen.

 

Doch diese Region steht auch für die Präsenz von Gewalt bewaffneter Gruppen, Überfällen und schweren Menschenrechtsverletzungen. Im Zeitraum 1985-2013 sind in diesem Bezirk durch das Opferschutzgesetz (ley des victimas) 191.373 Opfer des Krieges registriert worden, darunter waren 92.937 Frauen. Viele Fälle wurden nicht aufgeführt, da kulturelle Stigmatisierungen von den Frauen gefürchtet werden. Die patriarchale Kultur erschwert es, in dieser Zone über das Leid zu reden.


Frauen halten Kleidungsstücke ihrer verschwundenen Männer und Kinder hoch

Die Geschichte von Ana Maria


Ana Maria ist 56 Jahre alt. Sie wohnt mt ihren zwei Kindern und vier Enkeln in Puerto Lopez. Ihr Mann wurde vor neun Jahren ermordet. Die Paramilitärs kamen in ihr Dorf und erklärten ihn und einen ihrer Söhne zu Guerillos. Sie schlugen den Bauern mit dem Gewehrkolben mehrere Male auf den Kopf. Danach bewegte er sich nicht mehr. Sie selbst musste dabei zuschauen. Danach wurde sie von den Männern der Gruppe vergewaltigt, während ihr Sohn für diese Bier holen sollte. Diesen Sohn nahmen die Paramiltärs mit, von ihm fehlt bis heute jede Spur. Er gilt offiziell als "Verschwundener", wurde aber mit ziemlicher Sicherheit, wie viele andere auch, ermordet.


In den folgenden Jahren wurde der Vater sowie der älteste Sohn zum Tabuthema in der restlichen Familie. Den jüngeren Geschwistern erzählte Ana Maria zunächst, der Vater und der große Bruder seien verreist. Sie selbst zog aus dem Dorf weg, um sich den Blicken und den Gerüchten der Nachbarn zu entziehen. Sie arbeitet hart in Puerto Lopez für ihre restlichen zwei Kinder. Abends betrank sie sich und weinte heimlich. Sie wollte sich nicht mehr spüren. Ihre Tochter wurde mit den Jahren ihre Vertraute und half im Haushalt sowie in der Erziehung des jüngeren Bruders.


Therapie mit traumatisierten Frauen

Das politische Trauma einiger Frauen


Die Geschichte von Ana Maria kann als Beispiel gelten für das seelische Leid, welches die politische Gewalt in der psychischen Struktur eines Menschen hinterlassen kann. Der bewaffnete Konflikt hinterlässt seine Spuren in den Familien, in den Dörfern und in den zwischenmenschlichen Beziehungen. 

 

Psychosoziale Arbeit kann den soziopoltischen Kontext nicht ausklammern und muss diesen anerkennen und interpretieren können, aber gleichzeitig auch einen individuellen, inneren Raum anerkennen. Das Problem extrem traumatisierter Frauen in Kolumbien ist, dass ihr Inneres von einer äußeren, patriarchalen Realität beseitigt wird. Das bedeutet im Fallbeispiel von Ana Maria, ein Schweigen und Verleugnen im familiären Umfeld, aber auch im dörflichen Kontext. Eine weitere Folge war der Verlust von Handlungsfähigkeit, aber auch der inneren Welt und Phantasie.

 

Im Jahr 2016 nahm die Tochter von Ana Maria Kontakt zu der Corporación Vínculos auf und bat um therapeutische Hilfe für ihre Mutter. Diese klagte seit Jahren über Kopf- und Herzschmerzen. Sie ass wenig, schwitzte und schlief kaum. Die Ärzte vor Ort führten dies auf ihre Menopause zurück. Ihre Tochter jedoch spürte, dass ihre Mutter seit Jahren einen tiefen Schmerz mit sich rumtrug.        


Vertrauensbildende Übung

Auch der soziopolitische Kontext ist krank

 
In Kolumbien ist nicht nur die einzelne Frau krank, sondern auch der gesamte soziopolitische Kontext und somit kann eine Genesung oder Verringerung des Schmerzes nur im Kollektiv erfolgen. Psychisches Leid ist nie unabhängig vom Kontext zu verstehen und auch nicht zu behandeln. Nur durch eine bewusste Reflexion des Kontextes kann der komplizierte Zusammenhang zwischen individuellem Leid der einzelnen Frauen und extremen soziopolitischen Konflikten erfasst werden.
So geht es in der psychosozialen Arbeit um die Übersetzung und das Sichtbarmachen von privatem Leid in öffentliches Leid, welches den Zusammenhang zwischen der Einzelnen und den gesellschaftlichen Verhältnissen erkennt.  
 


Claudia Luzar (ZFD-Fachkraft), Überlebende aus dem Dorf El Salado, Myriam Sofía López, (Leiterin der Biodanza-Schule), Lisbeth Guerra Soler (Biodanza Trainerin), Liz Aravelo (Leiterin Cooperación Vínculos) (v.l.)

Die Arbeit der Cooperación Vínculos


Die Behandlung von extrem traumatisierten Frauen ist grundsätzlich als ein erster Schritt zur Resozialisierung des erfahrenen Leids zu verstehen und beginnt nicht in einem sterilen Behandlungszimmer und endet dort auch nicht. Doch wird aufgrund der grauenvollen Art und Weise, mit der Frauen durch bewaffnete Gruppen erniedrigt und missbraucht werden, eine soziale Situation zu einer individuellen Krankheit. 

 
Die psychosozialen Gruppen- und Einzeltherapien werden zu dem Ort, an dem die betroffenen Frauen ihre Probleme verarbeiten können. Hierzu nähert sich der Therapeut oder Pädagoge einerseits mit gezielten Fragen und andererseits mit der Bearbeitung der Verluste in der Gesprächs- oder Gestalttherapie. Oft arbeiten die extrem traumatisierten Frauen gemeinsam an ihren seelischen Wunden. In diesen Therapiesitzungen kann das individuelle Leid gemeinsam bearbeitet und zu einem kollektiven Leid werden. Ziel ist letztendlich eine gemeinsame Gesundung anzustreben. Dies kann in einer Zeichnung oder einem Gedicht erfolgen. In Villavicencio entstand beispielsweise ein Theaterstück über den Umgang mit den Verschwundenen. 

 

 

Artikel und Fotos: Claudia Luzar / Bearbeitung: Theresa Meier