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Wasserpolitik und Konflikte in Nordafrika

Wem gehört der Nil?
Dr. Atsbaha Gebre-Selassie

Das Anrecht auf Wasser ist oftmals der Grund für aufkeimende Konflikte, so auch in den Nil-Anrainerstaaten. In Äthiopien arbeitet Dr. Atsbaha Gebre-Selassie als AGEH-Fachkraft, finanziert von Misereor, gemeinsam mit Pastoralisten, um ihre Widerstandsfähigkeit gegen die Auswirkungen des Klimawandels zu verbessern. Außerdem beschäftigt er sich mit der fortschreitenden Wüstenbildung und den wertvollen Ressourcen des Nils.


Wasserstelle in Maale, Südäthiopien

Das Horn von Afrika und insbesondere Äthiopien ist seit längerer Zeit als ein Land bekannt, das von Trockenheit und Dürre geplagt ist. Wenn es auch sehr widersprüchlich scheint, zählt Äthiopien zu den wasserreichsten Ländern Afrikas und wird hinter der Demokratischen Republik Kongo als der zweite Wasserturm Afrikas bezeichnet. Das Land besitzt zahlreiche Flüsse, Seen und beträchtliche Feuchtgebiete. Die meisten Flüsse fließen als internationale Flüsse über die Landesgrenzen hinaus. Der blaue Nil, der im äthiopischen Hochland entspringt und auch schwarzer Nil genannt wird, führt mehr als 85 Prozent seines Wassers über den Sudan weiter bis Ägypten und mündet schließlich ins Mittelmeer. Der Nil war seit Menschenkenntnis ein Segen für Ägypten und ist es immer noch.


Beispiel für einen Staudamm

Vor etwa sechs Jahren hat Äthiopien plötzlich den Bau eines riesigen Staudammes mit dem Namen "Great Ethiopian Renaissance Dam", etwa 25 km von der sudanesischen Grenze entfernt, zum Zweck der Stromerzeugung bekannt gegeben. Die folgende ägyptische Reaktion war zu erwarten. Sie fühlten sich bedroht und erklärten, dass der Nil eine Sicherheitslinie sei, die man nicht antasten dürfe. Sie drohten sogar mit einem militärischen Anschlag, wenn der Bau weiter geführt würde und pochten auf das historische Nutzungsrecht und den britischen Vertrag von 1929.

 

Darin wurde zwischen dem immer noch britisch dominierten Ägypten und dem durch die Briten vertretenen anglo-ägyptischen Sudan das natürliche und historische Recht Ägyptens über das Nilwasser bekräftigt. Jegliche Beeinflussung der Wassermenge, zum Beispiel durch diverse Bauten, war ohne Zustimmung Ägyptens nicht möglich. Die Briten taten dieses nicht, um Ägypten zu helfen, sondern um einen Baumwollnachschub für ihre Textilindustrie in Manchester zu sichern. Äthiopien war weder eine britische Kolonie noch bei der Unterzeichnung des Vertrages anwesend.

 

Im Jahr 1959, als der Sudan seine Unabhängigkeit von den Briten erlangte, schlossen Ägypten und der Sudan einen neuen Vertrag, um das Nilwasser aufzuteilen. Demnach sollte davon 85 Prozent Ägypten bekommen und die restlichen 15 Prozent wurden dem Sudan zugesprochen. Dieser Vertrag wurde von dem sudanesischen Sportminister unterzeichnet, der eine gute Beziehung zu Ägypten pflegte.


Luftbild vom Nil in Ägypten

Äthiopien hatte diesen Vertrag nicht akzeptiert und meldete Protest. Jedoch war das Land zu sehr mit seinen inneren Problemen beschäftigt. Nach dem Sturz der Militärregierung in Äthiopien, unterzeichnete Meles Zenawi, der damalige Präsident der Interims-Regierung, 1993 einen Rahmenvertrag mit dem damaligen ägyptischen Präsidenten Hosni Mubarak. Dadurch erkannten beide Seiten die enge Beziehung der Länder durch den Nil und seinen Verlauf. Der Fluss wurde als Zentrum gegenseitiger Interessen gesehen. Als Hauptziele des Vertrages wurden folgende Punkte genannt: Zum einen eine weitere Vertiefung der Beziehungen beider Länder und zum anderen die Etablierung weitrahmiger und gemeinsamer Interessen.

 

Wenn auch ein freundschaftlicher Vertrag für gemeinsame Interessen unterzeichnet wurde, konnte das gegenseitige Misstrauen nicht abgebaut werden. Ägypten betrachtet den Nil als sein Eigentum und will den Staudammbau verhindern, auch wenn das Land kein Wasser dazu leistet. Äthiopien hingegen versucht, Ägypten davon zu überzeugen, dass der Staudamm keinen Nachteil für sie darstellt. Im Gegenteil, es wird eine vielfache Nutzung für Ägypten möglich sein, da Äthiopien nur 6000 Megawatt Strom erzeugen und das Wasser wie gewohnt weiter fließen wird. Durch den Damm wird unter anderem der Wasserfluss geregelt und Lehm und andere Bodenteilchen zurückgehalten. Außerdem verhindert er eine frühzeitige Füllung des Assuan-Staudammes im Süden Ägyptens.


Der Nil - eine wichtige Ressource für den Menschen

Im Laufe der Zeit scheint es, dass sich alle beteiligten Länder, nämlich Äthiopien, der Sudan und Ägypten einig sind und friedlich über die gerechte Nutzung des Nilwassers weiter verhandeln. Die drei Länder haben sich darauf verständigt, eine Studie über mögliche negative Wirkungen an den "Unterlaufländern" (Sudan und Ägypten) durchzuführen.


Vor kurzem hat Äthiopien gemeldet, dass der Bau des Dammes gut läuft. Nächstes Jahr werden dann einige Turbinen mit der Stromerzeugung anfangen. Ein Problem, mit dem sich Ägypten beschäftigt, ist die Füllzeit des Damms, die einige Jahre in Anspruch nehmen wird. Wenn Äthiopien beschließt, den Damm in kurze Zeit zu füllen, könnte das Wasser im Assuan-Damm stark absinken und die Stromerzeugung und Landwirtschaft immens beeinträchtigen.

 

Daher ist es sehr wichtig, dass die Verhandlungen zivilisiert und mit gegenseitigem Respekt und Vertrauen geführt werden. Das Nilwasser soll eine Chance für Kooperation und freundschaftliches Zusammenleben sein.

 

Text: Dr. Atsbaha Gebre-Selassie / Fotos: Dr. Atsbaha Gebre-Selassie / pixabay