Kontakt
Newsletter
Impressum
Datenschutzerklärung

Frank Wiegandt berät zu Wirkungsorientierung und Organisationsentwicklung

Parlamentswahlen in Madagaskar
Frank Wiegandt gefallen Madagaskar und die Menschen, die das Leben mit Leichtigkeit nehmen. Demgegenüber sieht er die extreme Armut großer Teile der Bevölkerung.

AGEH-Fachkraft Frank Wiegandt arbeitet seit März 2019 im Auftrag von Misereor* am Institut Supérieur du Travail Social (ISTS) in Andoharanofotsy, das Sozialarbeiter ausbildet. Als Berater für Wirkungsorientierung und Organisationsentwicklung unterstützt er die Partner von Misereor in  Madagaskar, um ihnen zu helfen, effektiver zu arbeiten und messbare Ziele zu stecken. Dazu gehört die Perspektive auf den nationalen bzw. internationalen Kontext und Partizipation. Hier blickt er zurück auf die Wahlen in Madagaskar, deren Ergebnis Mitte Juni bekannt gegeben wird.

Am 27. Mai wurde in Madagaskar das Parlament neu gewählt. Es standen 803 Kandidaten, davon 287 Kandidaten der 58 registrierten Parteien und 515 unabhängige Kandidaten zur Wahl für 151 Abgeordnetensitze. Am 15. Juni wurden diese vorläufigen Endergebnisse der Parlamentswahlen bekanntgegeben: Die Partei des Präsident Andry Rajoelina hat demnach mit 84 der 151 Sitze im Parlament die absolute Mehrheit erreicht. Sein schärfster Konkurrent, Ex-Präsident Marc Ravalomanana, bekommt nur 16 Sitze. 46 Sitze gehen an unabhängige Kandidaten. Weitere 5 Sitze gehen an Kandidaten der kleineren Parteien. Das madagassische Verfassungsgericht muss dies noch bestätigen.Die Wahlbeteiligung war mit ca. 30 % äußerst niedrig, weil die Politiker als korrupt gelten. Zudem waren mutmaßlich die meisten Wähler mit der Bewältigung ihres schweren Alltags beschäftigt und erkannten keinen Sinn darin wählen zu gehen.


Wahlplakat für Präsident Andry Rajoelina, der mit 84 der 151 Sitze im Parlament die absolute Mehrheit erreicht hat.

In der europäischen Presse wird öfter die Politikverdrossenheit in Deutschland und Europa angesprochen. Doch in einem Land wie Madagaskar ist die Politikverdrossenheit zu Recht ungleich grösser. Die finanziellen Unterschiede zwischen Politikern und einfachen Bürgern sind extrem groß  und es fehlen stabile rechtsstaatliche Institutionen.  
Das offizielle Mindestgehalt in Madagaskar beträgt 200.000 Ariary (etwa 50,- EURO) (so viel wie eine Tankfüllung oder ein Essen für 4 in einem guten Restaurant der Innenstadt). Dagegen verdient ein Abgeordneter mit 3.000.000 Ariary knapp fünfzehnmal so viel und bekommt zusätzlich monatlich 3.200.000 für Benzin und Telefongebühren. Während der  Sitzungsperiode erhöht sich der monatliche Betrag um 300.000 Ariary täglich. Damit  sollen die Abgeordneten finanziell unabhängig und resistent gegen Korruption sein. Trotzdem hat die Hälfte der Abgeordneten der vergangenen Legislaturperiode, laut  Bianco, dem Antikorruptionsbüro Schmiergelder angenommen.


Wietere KandidatInnen auf Plakaten an den Wänden der Hauptstadt Antananarivo.

Auch um für eine Wahlrechtsreform im Sinne der damaligen Regierung zu stimmen. In Europa sind nachhaltige stabile  Institutionen aufgebaut worden, die Helmut Schmidt zu Recht so beschreibt: „Der Sozialstaat ist eine unvergleichliche zivilisatorische Leistung.“  Daneben können sich Europäer auch auf frühere Politikergenerationen berufen, die erfolgreich große Vorhaben zugunsten des Volkes umsetzten und gute Führungseigenschaften aufwiesen.
Von alldem ist Madagaskar weit entfernt. Dabei müssten dringend Institutionen aufgebaut werden und staatliche Strukturen glaubwürdiger werden.

 

Die Partei des Präsidenten Rajoelina hatte sich zum Ziel gesetzt, die Hälfte der Sitze für sich gewinnen, um ein umfassendes Reformprogramm implementieren zu können. Das wollte sein Gegenspieler, der  frühere Präsident Ravalomanana verhindern. Laut Umfragen nach der Wahl und ersten Auszählungen halten sich die Stimmen für die Partei von Rajoelina (Isika rehetra miaraka amin'i Andry Rajoelina/IRD) und die von Ravolamana (Tiako i Madagasikara/TIM) die Waage und es ist ein Kopf an Kopf Rennen. Die meisten Madagassen nahmen diese Umtriebe apathisch auf. Sie sind es seit Jahrzehnten gewohnt,  dass Politiker die Macht missbrauchen.


Verkaufsstand mit Obst und Gemüse. Im Hintergrund der Palast der Königin. Symbol für die alte Kultur und Geschichte Madagaskars.

Eines meiner Seminare am ISTS befasst sich mit Armut im internationalen Vergleich. Dabei nutze ich die Thesen von Amartya Sen, dem indischen Nobelpreisträger für Ökonomie und Armutsforscher, z.B. die These, dass jeder Staats selbst darüber entscheidet, wie groß die Armut ist. Für die Studenten ist dies neu und provokant, ebenso wie eine kritische Meinung zu bilden oder Aufklärung zu suchen. Sie sind eher konformistisch erzogen. Anlässlich der Wahl erfragte ich ihre Meinung dazu, denn immerhin werden sie als zukünftige Sozialarbeiter mit den Folgen der Politik konfrontiert sein. Die meisten meinten, sie wären der Wahl fern geblieben, da sie den Politikern nicht trauen würden. Dennoch ist  ihnen klar, dass die Armut im Land nicht gottgegeben, sondern ein Ergebnis jahrzehntelanger verfehlter Politik der einheimischen Eliten ist.

Als Sozialarbeiter werden sie den Menschen helfen, mit der Armut besser umzugehen, strukturelle Veränderungen an den Ursachen der Armut können sie nicht bewirken. Das ist Aufgabe der Politik und der wählbaren Politiker, die vor der Wahl Reformen hätten anstoßen müssen. Doch Debatten über Inhalte, aus denen Reformvorschläge formuliert werden könnten, fanden kaum statt.  Madagaskar ist sehr schön. Ich mag die Menschen und ihre Art sich zu kleiden. Auch die Architektur, die Musik und die Leichtigkeit mit der das Leben genommen wird, gefallen mir gut. Doch demgegenüber steht die extreme Armut großer Teile der Bevölkerung.


* Misereor fördert Partner und Projekte, die helfen eine kritische Öffentlichkeit herzustellen, um demokratische Partizipation und Entwicklung in Madagaskar voranzubringen.

 

Fotos/Text: Frank Wiegandt, Bearbeitung: Ursula Radermacher