Kontakt
Newsletter
Impressum

ZFD-Fachkraft berichtet aus Bamenda

Unruhen in Kamerun
Frauke Dißelkötter beim Gruppenkompetenz-Training mit dem Frauenfriedenskomitee

Seit eineinhalb Jahren arbeite ich als Friedensfachkraft bei dem Justice & Peace Service der Erzdiözese Bamenda und lebe mit meinem Mann und unseren drei Kindern im englischsprachigen Kamerun. Kamerun hat insgesamt zehn Regionen von denen acht französisch und zwei englischsprachig sind. Dies geht zurück auf die Kolonialzeit.

 

Nachdem die Deutschen den ersten Weltkrieg verloren hatten, mussten sie ihre Kolonie abgeben, die dann zwischen England und Frankreich aufgeteilt wurde. Als Erbe dieser Kolonialherrschaften hat Kamerun nicht nur zwei verschiedene Amtssprachen, sondern auch zwei verschiedene Bildungs- und unterschiedliche Rechtssysteme. Seit Jahrzehnten gibt es Schwierigkeiten, wie diese verschiedenen Kulturen zu vereinen sind, ohne dass sich die englischsprachigen Regionen benachteiligt fühlen.


Unsere Friedensfachkraft auf dem Weg zur Community

Aktuell sind die Anwälte und Lehrkräfte im Streik, da sie eine Bevorteilung der frankophonen Systeme wahrnehmen. Ihr friedlicher Protest eskalierte, als sich auch die Bevölkerung unter anderem wegen der schlechten  Infrastruktur in den anglophonen Gebieten anschloss. Im November und Dezember letzten Jahres gab es bei gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen Demonstrierenden und Sicherheitskräften auch einige Tote auf Seiten der Zivilbevölkerung zu beklagen. Seitdem sind in den anglophonen Regionen die Schulen geschlossen und es gibt wöchentlich mindestens einen 'Ghost Town'-Tag. An diesen Tagen sind in den Städten und  Dörfern alle Geschäfte geschlossen, niemand ist auf den Straßen, wenn es nicht unbedingt sein muss. Momentan ist es ruhig, aber die Stimmung ist angespannt. Sicherheitskräfte sind im Alltag sehr präsent.


Für den Justice & Peace Service Bamenda ist das Arbeiten sehr schwierig geworden. "Da Ende 2016 nicht vorhersehbar war, was in den nächsten Tagen und Wochen passieren würde, waren  auch Projektaktivitäten nicht planbar", so  Laura  Anyola Tufon, die Koordinatorin des J&P Service. Wir konnten unsere Trainings zur gewaltfreien Konfliktlösung in den Dörfern nicht mehr durchführen. Es hätte sein können, dass die Sicherheitskräfte uns verdächtigen, auf der Seite der Demonstrierenden zu stehen und andersherum, dass die Dorfbevölkerung vermutet, dass wir die Regierung unterstützen. Darüber hinaus kam im Januar erschwerend hinzu, dass das Internet blockiert wurde. Wollten wir, über das Telefonieren hinaus, mit Anderen in Kontakt bleiben, mussten wir in das zwei Stunden entfernte Bafoussam reisen, welches in einer französischsprachigen Region liegt.


Frauen machen auf die Missstände aufmerksam

Diese schwierige Situation hat, neben den konkreten Folgen der Krise, verschiedene soziale Auswirkungen auf die anglophone Bevölkerung. Viele Menschen in Kamerun arbeiten im informellen Sektor. Sie verdienen nun durch die 'Ghost Town'-Tage weniger als zuvor. Dazu kommt, dass die Kinder nicht in die Schulen gehen und den ganzen Tag zuhause oder auf der Straße sind. Es wird von einem Anstieg von Teenagerschwangerschaften, einer höheren Kriminalitätsrate und mehr häuslicher Gewalt geredet.

 

An dieser Stelle möchte der Justice & Peace Service Bamenda ansetzen und hat sich mit anderen anglophonen Organisationen aus dem kamerunischen Netzwerk des Zivilen Friedensdienstes zusammengesetzt. Zum einen  wird an einem "Conflict Early Warning, Early Response System" gearbeitet, zum anderen wird es eine gemeinsame Studie zu den sozialen Auswirkungen der Krise geben. Laura Anyola Tufon erläutert: "In dieser Studie wollen wir auch konkrete Ideen aus der Bevölkerung bekommen, wie wir die Menschen in dieser schwierigen Situation unterstützen können, ihr Leben wieder friedlicher zu gestalten." Weitere Informationen erhalten Sie auch im Videostatement von der Koordinatorin des J&P Service.

 

Text und Fotos: Frauke Dißelkötter / Bearbeitung: Katharina Engels