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Ecuador - Wandbilder mit Jugendlichen malen

Schönheit ins Leben bringen
Anne Stickel und ihr Mann Warner Benitez gestalten ein Wandbild in Quito.

Anne Stickels Alltag kennt keine Eintönigkeit: Die AGEH-Fachkraft arbeitet seit zwei Jahren in Ecuador für COMUNDO Luzern in Ecuadors Hauptstadt Quito – und zwar künstlerisch. Gemeinsam mit ihrem Mann Warner Benitez malt die Theologin mit Kindern und Jugendlichen Wandbilder – sogenannte Murales – die in Lateinamerika sehr verbreitet sind.

Stickels Stelle ist zu 50 Prozent eine Koordinatoren-Stelle, hier liegen ihre Aufgaben in der Begleitung und Koordination aller Projekte und Fachpersonen von COMUNDO Luzern in Ecuador. Die anderen 50 Prozent widmet die 40-Jährige der Kunst. Ihre Partnerorganisation ist das Centro de Formación Monseñor Leónidas Proaño. Die Organisation ist für die Jugendarbeit der katholischen Kirche im Süden der Stadt Quito zuständig: Sie begleitet 38 Pfarreien, mit Seminaren, Fortbildungsveranstaltungen und Ferienangeboten – den sogenannten Centros Vacacionales, die in Ecuador sehr populär sind.


Die Murales haben Tradition in Ecuador.

Und auch heute, in Ecuador, sei Analphabetentum immer noch ein Thema: „Da können Bilder Dinge sagen, die keine ‚Erwachsenenbildungsveranstaltung‘, kein Text, rüberbringen kann.“

Das Ziel ihrer Arbeit in Ecuador ist also: „Unser Einsatz im Projekt soll Jugendlichen die Kunst als ein Mittel nahebringen, über die eigene Wirklichkeit zu reflektieren, und die eigene Identität, persönlich, in der Familie, im Stadtteil und im urbanen Umfeld zu stärken. Viele der Teilnehmer-/innen haben einen Migrationshintergrund vom Land.“


Blick über die Hauptstadt Quito.

Ein Wandbild „wächst“ meist binnen einer Woche, berichtet Stickel. Die Teilnehmerzahl ist dabei nicht begrenzt. Am ersten Tag lernen die Teilnehmer-/innen sich kennen, machen Zeichenexperimente und finden erste Ideen. „Wir laden dazu ein, immer größer zu denken,“ so Stickel. „Wir stärken die Idee der Gruppe und dass Dinge nicht perfekt sein müssen und nichts falsch gemacht werden kann.“ Am zweiten Tag geht’s dann „an die Wand“. Alte Farbe wird entfernt, eine erste Farbschicht aufgetragen. Dafür werden die Teilnehmer-/innen in Gruppen organisiert. Das Bild selbst wird dann im Gespräch entwickelt – es setzt sich zusammen aus Geschichten, Erlebnissen, Wünschen, Zeugnissen oder Glaubenserklärungen der Teilnehmer-/innen. Aber auch Vorschläge von Passanten, die die Arbeit auf der Straße beobachten, können in das Bild einfließen. Das Bild ermöglicht den Jugendlichen laut Stickel eine Begegnung – mit sich selbst und anderen. So hilft es bei der Identitätsfindung. Gleichzeitig lässt es religiöse, symbolische oder politische Stellungnahmen zu.


Auf den Wandbildern können Jugendliche ihre Fantasien ausdrücken, die Darstellungen sind nicht an die Realität gebunden.

Auf dem Bild kann der Junge, der zu arm für eine Gitarre ist, Gitarre spielen; da können die Engel auf der Kirche Schwarze sein und die Haut kann Farben des Regenbogens erhalten. Da können Jungen, die nicht sagen dürfen, zu welcher bewaffneten Gruppe sie gehören, die Waffen niederlegen. Die Bilder sollen Motivation und Bestätigung sein – dafür, dass es viel Gutes gibt, es nur gezeigt werden muss.

„Die künstlerische Arbeit hinterlässt bei den Jugendlichen Spuren“, sagt Anne Stickel:

„Wir erleben die Jugendlichen, mit denen wir gemalt haben, als offener und freundlicher. Sie sind angeregt, selbst weiter zu malen, zu erfinden, zu träumen. Und sie wirken auch zuversichtlicher, optimistischer und tatkräftiger. In diesem Sinn erleben wir unsere Arbeit als wirksam, in einer Art, die man nicht messen, aber doch deutlich wahrnehmen und so erleben kann, “ so Stickel. „Viele Menschen, die ein Wandbild mit uns gemalt haben, sagen: Niemand investiert in Schönheit, wo es um Arbeit oder Macht geht. Aber wie soll man leben in einem traurigen Umfeld? Eure Farben bringen Schönheit, Freude, Leben. Sie machen, dass wir wieder schätzen, was uns im Leben wichtig ist. Dass wir das nicht vergessen. Dass wir uns daran erinnern, im Alltag, inmitten einer konsumorientierten Gesellschaft, was unserem Leben Sinn gibt.“

Aber nicht nur die mitwirkenden Jugendlichen profitieren von der Arbeit an der Wand. Oft werden sie von Menschen außerhalb des Projekts darauf angesprochen, sagt Anne Stickel:

„Wir erleben ein großes Interesse an unserer Arbeit. Und nach einer ersten Skepsis auch eine große Wertschätzung für die Möglichkeiten der Kunst in Bezug auf die Ausbildung - emotional, mental, geistig – sowohl bei denen, die mitmachen als auch bei Menschen, die die Bilder ansehen.“

Text: Charlotte Voß, Fotos: Anne Stickel