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Als Pädagogen in Südafrika

"Wenn Begegnungen zum 'eye-opener' werden"
Max, Almut und Bernd Schultheiß (v.l.) mit Teilnehmern des Social Club (Career guidance and Micro business)

Sie sind zurück in Deutschland: Mehr als acht Jahre haben die Pädagogin Dr. Almut Schultheiß und der Sozialpädagoge Bernd Schultheiß in Südafrika bei der Pietermaritzburg Agency for Community Social Action (PACSA) gearbeitet. Sie haben auf Basis einer interkulturellen Pädagogik Begegnungscamps mit und für Jugendliche organisiert und sie im Bereich Aus- und Weiterbildung, Vermittlung in den Arbeitsmarkt oder zum Aufbau einer selbständigen Existenz unterstützt und begleitet. Im AGEH-Interview berichten sie von Erfahrungen und Herausforderungen.


Zeichen setzen! PACSA Büro, Anti-Xenophobia-Kampagne

Mit welchen Schwierigkeiten sind Sie in Ihrer Arbeit konfrontiert worden?

 

Almut Schultheiß: Südafrika hat eine ganz spezielle Geschichte. 1996 wurde die neue südafrikanische Verfassung mit besonders progressiven Inhalten verabschiedet. Zum Beispiel wurde die homosexuelle Ehe der traditionellen Ehe gleichgestellt und durch die Verfassung geschützt. Auch andere Punkte sind innovativ und selbst für unsere scheinbar so fortschrittlichen demokratischen Maßstäbe hervorragend gestaltet. Der Zustand der Diversität in der Bevölkerung wird ganz klar als positives Potenzial gesehen und soll auch so genutzt werden.

 

Man hat aber trotzdem im Laufe der Jahre - bis heute - immer wieder die Diskrepanz zwischen Theorie und Praxis wahrgenommen. Innerhalb der Bevölkerung in Südafrika bestehen Vorurteile. Es existieren hohe Ressentiments gegen homosexuelle Partnerschaften, besonders im ländlichen Bereich und der Austausch zwischen jungen Menschen im Land, wie wir das beobachtet haben, ist eher gering.

 

Unserer Partnerorganisation PACSA haben wir die Idee des Begegnungscamps (MDYE Managing Diversity Youth Event), entliehen aus unserem ehemaligen Arbeitskontext, vorgestellt. Die Idee wurde in einem Prozess des Dialoges ausgebaut, auf die südafrikanische Situation hin adaptiert und das Konzept  für das Camp entwickelt.

 

Das Besondere dieser Jugendcamps war, dass sie auf nationaler Ebene stattfanden und die Teilnehmenden aus allen Landesteilen kamen. Somit haben wir eine größtmögliche Mischung der jungen Menschen erreicht, was z.B. ethnische und religiöse Herkunft,  sozioökonomischen Status und die sexuelle Orientierung angeht, um, der  pädagogischen Begegnungstheorie folgend, viel soziale "Reibungsfläche" zu ermöglichen, die man in Diskussionen und Dialogen reflektieren und so  Vorurteile und Schubladendenken abbauen kann.


Sheba Bokamoso - Fußballturnier

Hat es denn dann funktioniert?

 

Almut Schultheiß: Wir haben das Camp mit Vor- und Nachbefragungsbögen begleitet, die genau diese Ängste und Sorgen in den Fragen mit aufgenommen haben. Dabei hat sich gezeigt, dass die Begegnungen sehr positiv aufgenommen wurden, sozusagen als "eye-opener", der überhaupt Kontakt unter Jugendlichen aus verschiedenen Bevölkerungsgruppen ermöglichte.

 

Eine Besonderheit des ersten Camps im Jahr 2010 war, dass wir mit dem Teilnehmenden ein Fußballturnier austrugen, kurz vor dem Startschuss zur ersten WM auf afrikanischem Boden. Dabei haben wir die Teams neu zusammengestellt, um die Begegnung zu ermöglichen und zu zeigen, dass man, auch wenn man sich fremd ist, gemeinsam etwas schaffen kann. Das hat entgegen aller Sorgen super funktioniert. Um die Begegnung so konstruktiv wie möglich zu gestalten, haben wir die Begegnung punktuell durch bestimmte Aktivitäten bewusst gesteuert und Vorurteile konkret thematisiert.

 

Bernd Schultheiß: Darüber hinaus hat das aus PACSA Jugendgruppen zusammengestellte Youth Organizing Committee (YOC) gelernt, wie man so ein Projekt plant und durchführt. Die Grundidee ist, nur den Rahmen vorzugeben. Das YOC sollte eigenständig aktiv werden. Die YOC-Teilnehmer/-innen haben sich dadurch viele Qualifikationen erarbeitet, oder mit externer Weiterbildung z.B. die Erste Hilfe-Qualifikation angeeignet. Das hat das Selbstbewusstsein enorm gesteigert und die Bewerbungsunterlagen bei der Jobsuche um einige Qualifikationen bereichert. Viele Teilnehmer/-innen haben im Anschluss eine Arbeit gefunden.

 

Die Begegnungs-Camps waren auf eine Woche angesetzt. Insgesamt haben wir drei Camps mit je 200-250 Jugendlichen durchgeführt. Das Konzept wird von der 2013 gegründeten NGO SAYLN – South African Youth Leaders Network übernommen und dabei verbessert beziehungsweise angepasst. Wir waren dann eher Beobachter und haben die Evaluation begleitet.

 

Für die Planung an sich braucht man den persönlichen Kontakt. Vor allem wenn man privilegierte Privatschulen mit an Bord bekommen will. Ohne diese privilegierten Schulen ist der sozioökonomische Mix nur schwer zu bekommen und gerade diesen Schüler/-innen fällt es schwer ihre Barrieren abzubauen. Aber genau diese Personen werden es sein, die sich vor allem bewegen und "ihre" so mannigfaltigen Ressourcen teilen müssen.

 

Wenn diese Schulen vom Konzept der Camps hören, denken sie, dass es das Rezept zum absoluten Desaster ist. Dann muss man erst einmal beruhigen und überzeugen, dass die Schüler/-innen auch etwas davon haben. Diese wachsen häufig überbehütet und weit weg vom Elend und damit von der südafrikanischen Realität auf.


Es wird diskutiert - auf der jährlichen SAYLN-Jugendkonferenz

Aber dennoch ist wahrscheinlich diese Diskrepanz oft zu spüren. Wie sind Sie persönlich damit umgegangen?


Almut Schultheiß: Man kann sehr viel über Begegnungen und Dialog lösen, auch im persönlichen Bereich. Wir haben immer unsere Gedanken und Ideen mit Freunden und Kollegen diskutiert und uns gegenseitig ausgetauscht. Das ist die Politik der kleinen Schritte. Man fängt an, über ein Thema zu reden,  in einem dialogischen Prozess kann man bestimmte Themen erst einmal bewusst werden lassen und dann gemeinsam weiterentwickeln.

 

Bernd Schultheiß: In der Apartheid wurde der Großteil der Bevölkerung als Produktionsmittel gesehen und dementsprechend behandelt. Das "Ding" musste funktionieren, geschmiert und notfalls repariert werden. Daraus entwickelte sich  eine "Nachapartheitswehe". Die damals so leittragende Bevölkerung hat immer noch den Glauben daran, dass sich irgendjemand um sie kümmert, sie, ihre missliche Lage "repariert". Dieses Denken passt jedoch nicht mehr in das neue, immer neo-liberaler und damit sozial brutaler werdende Südafrika. Man braucht also schon einen speziellen Schlag Menschen, bei denen es dann fruchtet und die dann sehen: "Mensch, ich muss selber aktiv werden, ich kann das auch und traue mir das zu." Das war für uns schön zu beobachten.

Oft waren es dann auch die jungen Frauen, die stärkeren Druck spürten, dass sich was ändern muss. Sie konnten auch nicht einfach ihre Kinder irgendwo lassen und davonlaufen, wie viele Männer das gemacht haben. Verantwortungs- und Leistungsträger waren meist Frauen.


Almut Schultheiß mit SAYLN-Vertretern in Durban

Welche Erfahrungen nehmen Sie persönlich mit aus der Zeit in Südafrika?

 

Almut Schultheiß: Die Idee der Vielfalt, die bunte Gesellschaft, die "Rainbow Nation" und dass man diese Vielfalt als Potential sieht, das habe ich nach Europa mitgenommen. Ich habe so leise ein Gefühl für die "Europa-Idee", wie es hier zum Beispiel mal zusammenwachsen könnte.


Wenn die EU eine Einheit werden will, dann kann man auch mal nach Südafrika blicken, auf ihre Ansätze und wie dort versucht wird, diese Idee umzusetzen.

 

Wichtig für mich ist auch ein Ansatz, der sich auf die Identität bezieht. In Südafrika wird von unterschiedlichsten Seiten stets betont, dass eine südafrikanische Identität neben der individuellen Identität stehen darf und soll. Das heißt, zum Beispiel Mitgliedern der Zulus wird ganz klar zugestanden, dass sie ihre Gruppenidentität behalten und erhalten. Darüber hinaus ist es erstrebenswert, eine Identität als Südafrikaner/-in zu entwickeln. Dieser Gedankengang hat mir sehr gut gefallen. Also ich kann sowohl Deutsche als auch Europäerin sein.

 

Dann habe ich mir auch sehr viele Gedanken zur Demokratie gemacht. Demokratie ist ein tolles gesellschaftliches Konzept. Man kann sich manchmal fragen, ob es auf afrikanische Gesellschaften auch so gut und auch so schnell anwendbar ist, wie man sich das manchmal bezüglich der Entwicklungzusammenarbeit gewünscht hat. Demokratie ist etwas, was sich entwickelt und  weiterentwickelt.

 

Sonst besteht bei mir der Wunsch, für die Eine Welt konkret zu handeln. Ich hatte in Südafrika über die Jahre das Gefühl, dass ich nicht ganz dazugehöre. Ich bin keine Südafrikanerin. Ich hatte kein Wahlrecht und nicht das permanente Bleiberecht, ich existierte immer auf der Ebene einer Arbeitserlaubnis. Ich habe mich dort auch nicht direkt lokalpolitisch oder in Bürgerinitiativen engagiert. Jetzt, wo ich zurück in Deutschland bin, wo ich meine Wurzeln sehe, da ergeben sich ganz konkret Möglichkeiten mitzumischen.


Bernd Schultheiß mit Kind von einem Social Club-Teilnehmer

Bernd Schultheiß: Was ich auch aus der Zeit mitgenommen habe: Als Misereor schreibt man sich auf die Fahne, immer an der Seite der Ärmsten zu sein. Das ist gut und da muss man auch stehen. Aber wenn man wirklich Veränderungen will, dann ist es oft die falsche Gruppe, weil sie sehr machtlos sind. Sie sind auch viel Kummer gewohnt. Deren Leidensbereitschaft scheint für uns unendlich zu sein. Damit sich dann etwas bewegt, muss man oft mit anderen Akteuren arbeiten. Man muss die Mittelschicht ansprechen, aber die bewegt sich oft erst, wenn sie merkt, dass es für sie schlechter wird.

 

Ich bin dann oft auch an kulturelle Grenzen gestoßen, die ich von Deutschland so gar nicht kenne. Wenn zum Beispiel jemand anfängt, wirklich erfolgreich zu sein und sich selbstständig macht, dass dann Nachbarn sagen: "Mensch, da schert jemand aus, aus irgendeinem Grund wird der jetzt erfolgreicher als ich." Dann ging es um Neid und darum, dass derjenige, laut dem uBuntu-Gedanken etwas abgeben muss. Aber das war zu einem viel zu frühen Zeitpunkt. Wenn ich von einem Handwerker so viel abverlange, dass er nicht einmal mehr sein Material ersetzen kann, dann geht er natürlich bankrott. An diesem Punkt war die Verständigung und mein Verständnis dafür schwierig. Wenn sich jemand von diesen Erwartungen befreite, wurde ihm Böses unterstellt und das Miteinander-Leben im Township erheblich erschwert.

 

Darüber hinaus war es für mich sehr schwer, immer die Rollen und Welten zu wechseln. Auf der einen Seite war ich immer der Weiße, der privilegiert war, und der privilegiert gewohnt hat. Wir hätten aber auch gar nicht im Township wohnen können, allein wegen der Schulen für Kinder hätten wir Probleme gehabt. Also für mich war es dann immer unerträglicher, aus der Haustür herauszugehen und diesen schönen weißen Komfortbereich zu verlassen und dann diese ganze Armut zu sehen und dort, wo mein Herz ja auch geschlagen hat, zu arbeiten. Danach ging es wieder zurück in diese Festung, die mit Stacheldraht versehen war, weil man sich auch schützen musste. Das wurde immer schwieriger. Da war es dann auch okay, dass wir nach mehr als acht Jahren, nach denen wir die Arbeit gut abschließen konnten, gegangen sind. Das haben die Leute dort auch verstanden.

 


Almut und Bernd Schultheiß mit Teilnehmern des Social Club (Career guidance and Micro business)

Sie sind schon einige Zeit wieder hier, wie ist es bisher weitergegangen?

 

Almut Schultheiß: Im Moment arbeite ich im Rückkehrerprogramm der AGEH mit einem Einjahresvertrag für Misereor Berlin. Ich habe schon einige Ideen, wie ich mich beruflich orientieren will. Neben den Themen der EZ interessiert mich der Faire Handel und andererseits zieht es mich in den pädagogischen Bereich. Ich kann mir auch gut vorstellen, als Quereinsteigerin in den Lehrerberuf zu gehen.

 

Bernd Schultheiß: Zurzeit bin ich auch im Rückkehrerprogramm bei Misereor Aachen tätig. Zukünftig würde ich gerne im Bereich der Humanitären Hilfe arbeiten. Einfach aus dem Grund: Jetzt haben wir so viel über Nachhaltigkeit, über Langfristigkeit nachgedacht, ich würde gerne einfach mal wieder so richtig anpacken und vorbereitend im Vorfeld der Entwicklungszusammenarbeit  tätig sein, die dann, nach einer überstandenen Humanitären Notlage, anknüpfen und nachhaltig arbeiten.

 

Interview: Theresa Meier / Fotos: Bernd Schultheiß