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Mit Partizipativem Theater gesellschaftlichen Wandel gestalten

Bei sich selbst beginnen
Utz Ebertz, Impulsgeber und Fachkraft der AGEH im ZFD (3. v. l.)

Am 21. ist "Welttag der kulturellen Vielfalt für Dialog und Entwicklung".  Der Tag soll den Beitrag von Künstlern und Kulturschaffenden zum interkulturellen Dialog und zum harmonischen Zusammenleben verschiedener Menschen und gesellschaftlicher Gruppen hervorheben. Utz Ebertz, Fachkraft im ZFD der AGEH in der Diözese Cúcuta/Kolumbien, berichtet, wie Theaterarbeit Menschen dabei unterstützen kann, mit gesellschaftlichen Herausforderungen umzugehen.


Kolumbien ist eines der Länder, in dem weltweit die meisten Menschen leben, die aus ihrer Heimat im Land selbst vertrieben wurden. Zudem steht das Land  nach dem Friedensschluss mit der FARC-Guerrilla am Beginn eines Friedensprozesses, bei dem viele Fragen der konkreten Umsetzung noch völlig offen sind, vor allem, wie ein nachhaltiger und ganzheitlicher Friede erlangt werden kann, der für breite Teile der Bevölkerung auch spürbar wird.


Cúcuta als Grenzstadt zum kriselnden Nachbarstaat Venezuela und Hauptstadt des Departements Norte de Santander, erlebt zurzeit eine besonders schwierige Situation. Mit der Krise des Nachbarstaates und des damit einhergehenden ökonomischen Notstands dort, wandelte sich die ehemals boomende Stadt und hat mittlerweile die zweithöchste Arbeitslosenrate in Kolumbien.


Auch wenn Cúcuta offiziell als Durchreisestation in andere Landesteile gilt, so nimmt doch überall im Stadtgebiet - und vor allem in einigen Vierteln, die mehrheitlich von Binnenvertriebenen bevölkert werden - der Zuzug von Menschen mit venezuelanischer Herkunft spürbar zu. Dabei handelt es sich sowohl um geflüchtete und vertriebene venezuelanische Staatsbürgerinnen als auch um sogenannte Rückkehrerinnen, d. h. Menschen, die sich im Besitz kolumbianischer Papiere befinden – sei es aufgrund ihrer eigenen Herkunft oder der ihrer Eltern –  ihre kriegsgeschüttelte kolumbianische Heimat verließen, um jetzt auf dem umgekehrten Weg aus Venezuela kommend wiederum die Grenze zu überschreiten. Die Ankunft weiterer Personen mit dringenden Bedürfnissen verändert auch die Dynamik unter denen, die sich bereits in den Peripherien der Stadt niedergelassen haben. Für alle die Menschen, deren Leben von gewaltsamen Umsiedlungen gezeichnet ist, ist dies eine zusätzliche neue Herausforderung.


Austarierendes Miteinander im Jugend- und Gemeindezentrum Don Bosco im Westen von San José de Cúcuta

Das Theaterprojekt "Teatro por la Paz" der Diözese Cúcuta will diese Menschen unterstützen, mit den Herausforderungen konstruktiv und gewaltfrei umzugehen. Die durchschnittlich zweimal im Monat stattfindenden Treffen mit dieser Gruppe – die Ende März begonnen haben – stehen unter dem Oberthema "Alltagsgefahren und -sicherheit" und bedienen sich, wie das Projekt insgesamt, der Arbeitsweise des partizipativen Theaters.
Bei dieser interaktiven, aus Lateinamerika stammenden Theaterform, ist die Unterscheidung zwischen Zuschauer/-innen und Schaupieler/-innen aufgelöst. Sogenannte Zuschauspieler/-innen nutzen die symbolische und emotionale Sprache des Theaters, um sich über soziale, politische und spirituelle Fragen auszutauschen. Das Theater ist hierbei immer Mittel um sozialen Wandel – auch soziale Transformation genannt – herbeizuführen. Die Grundlage für eine spürbare und nachhaltige Transformation der Gesellschaft ist der oder die Einzelne, die – sich ihrer Bedeutung bewusst geworden –  mit den ihr zur Verfügung stehenden Mitteln und Möglichkeiten sich, ihre Mitmenschen und ihre Umgebung verändert. Am Anfang – und im Zentrum – eines transformatorischen Theaterprozesses steht die Erfahrung, dass individuelles Entscheiden und Handeln Wandel ermöglichen, dass Menschen in systemischen Beziehungen miteinander in Verbindung stehen und kommunizieren, und dass demzufolge das Handeln eines Individuums gesellschaftlichen Wandel auszulösen vermag. Durch Sensibilisierungsarbeit und Arbeit an der Dynamik der Gruppe entstehen in kollektiven Schaffensprozessen theatrale Bilder und Werke, die ihre Kraft aus den miteinander geteilten, persönlichen Erlebnissen der Teilnehmenden schöpfen und die deren Lebenswirklichkeiten widerspiegeln sowie ihre Probleme, Sorgen, Konflikte, Freuden und Hoffnungen thematisieren. In Präsentationen für nicht unmittelbar am kreativen Schöpfungsprozess der Bilder und Werke beteiligte Mitglieder der Gemeinschaft erweitert sich dann der künstlerische Dialog in den öffentlichen Raum hinein.


Der theatralische Dialog als Balanceakt

Zum gegenwärtigen Zeitpunkt befindet sich die Gruppe in der Initiationsphase des Projektes, die unter dem Motto steht "Auf das Schauen, was wir sehen; auf das Horchen, was wir hören; spüren, was wir berühren".1 In dieser Phase sollen vor allem ein erstes Verständnis und Interesse geweckt und unsere Unzulänglichkeiten im alltäglichen Empfinden und Wahrnehmen überwunden werden. Als zweiter Schritt erfolgt dann die Einführung in die Symbolsprache des Theaters - eine Sprache des Körpers und der Emotionen. Ein mittelfristiges Ziel des Projektes besteht darin, dass die Teilnehmenden die von ihnen im Workshop erworbenen Konflikttransformationsfähigkeiten und -erfahrungen im Alltag in ihren Vierteln zur Anwendung bringen.


Ein weiterer Schwerpunkt des Projektes ist die Ausbildung der Mitarbeiter der Sozialpastorale selbst in partizipativen Theatermethoden. Darüber hinaus gibt es eine Projektbegleitung, die die Instrumente des Theaters zum Frieden auch in anderen Projekten der Partnerorganisation verankert.


Partizipatives Theater regt zum Dialog über politische und spirituelle Fragen an

Partizipative Theaterarbeit kann deutlich machen, dass nur eine Akzeptanz der Gegenwart – des "Hier und Jetzt" – so kompliziert und mitunter schmerzvoll wie diese auch für den Einzelnen und die Gemeinschaft sein mag - zu einer imaginierten, "besseren", d. h. gesünderen, Zukunft führen kann. Für das Stadtgebiet von Cúcuta sind die Herausforderungen des "Hier und Jetzt" nicht zu leugnen: Die Suizidquote unter Jugendlichen, einer potentiellen Zielgruppe des Projektes, nimmt nach vorliegenden Informationen rapide zu. Die Ursachen sind unklar. Die bereits hohe Quote von bewaffneten Raubüberfällen in der Stadt nimmt weiter zu und macht weder vor den Arbeitskolleginnen und Arbeitskollegen der Sozialpastorale noch vor Banküberfällen am hellichten Tag in den Einkaufszonen der Innenstadt halt. Die allgemeine Besorgnis in der Stadt ist spürbar und die Menschen machen sich vermehrt Gedanken um ihre Sicherheit.


Damit es zu einem spürbaren Frieden, auch für die Menschen in Norte de Santander und in anderen "verlassenen" Regionen kommen kann, braucht es vermehrten Einsatz zum Beispiel in Friedenspädagogik oder in der Erinnerungsarbeit – damit aus einem Land mit weniger bewaffneten Akteuren ein Land werden kann, in dem Menschen bereit sind, einander für das in der Vergangenheit Zugefügte zu verzeihen und sich miteinander auszusöhnen.


Teatro por la Paz - ein Projekt der Sozialpastorale der Diözese Cúcuta und des ZFD

Und an diesem Punkt kommt auch das Projekt Teatro por la Paz ins Spiel: Ein zentrales Element partizipativer Theaterarbeit ist die Schaffung von etwas, was wir im Fachjargon "sichere Räume" nennen, das heisst Orte, an denen sich Menschen begegnen können um Dialog zu führen – was etwas Anderes ist, als nur Diskussion! Und in Stadtvierteln wie Los Olivos bedeutet "sicher" auch, dass die Teilnehmer etwas Ruhe von ihren Alltagssorgen erhalten, eine Verschnaufspause sozusagen, und auch, dass sie einen kleinen Snack in Form eines Sandwiches und eines Getränkes erhalten, um sich für die körperlich anstrengenden (Theater-)prozesse zu stärken.


Gelungenes Beispiel für multiethnisches Zusammenleben

Leandro, einer der Workshop-Teilnehmer, beschrieb die Erfahrung eines "sicheren Raumes" im Abschlusskreis eines Probentages in der Art und Weise, dass er zwei systemische Gruppenübungen, die im Verlaufe des Nachmittags gemeinsam durchgeführt worden waren, auf überzeugende Weise zueinander in Bezug setzte: Während die erste Übung – die die Bezeichnung "Angst und Beschützer" trägt – aus Leandros Perspektive die Suche nach Sicherheit in einem bedrohlichen Hier und Jetzt symbolisierte, so fand der Teilnehmer so etwas wie eine Heimstatt in einem Moment der anschliessend durchgeführten Übung "Den Blinden führen", bei der die Teilnehmenden sich in Zweiergruppen, in denen eine(r) der beiden die Augen geschlossen hält, zuletzt durch mit der Atemluft erzeugte Tönen zu sich "nach Hause" rufen2.  Dieser Moment des angekommen Seins fand in dem siebenfachen Vater, dergestalt Resonanz, dass er für ihn zum Symbol eines "sicheren Raumes" werden konnte, geschaffen durch die physische und akustische Präsenz der anderen Projektteilnehmer/-innen, durch die Kraft des partizipativen Theaters.



Text und Fotos: Utz Ebertz

 

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1 Diamond, David 2013: Theater zum Leben. Über die Kunst und die Wissenschaft des Dialogs im Gemeinwesen; übersetzt von Armin Staffler. Stuttgart:ibidem.


2 Diamond 2013, 360 (Angst und Beschützer) und 364 (Den Blinden führen).