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Rohstoffkonflikte bedrohen indigene Bevölkerung

Der Stimme Gehör verleihen
"Wir verdienen es, ohne Kohle zu leben." Ein Plakat macht auf die Missstände aufmerksam

Der 9. August ist der Tag der indigenen Völker. Er wurde von der UN-Generalversammlung das erste Mal im Jahr 1994 ausgesprochen. Ziel ist, auf die Rechte indigener Bevölkerungen weltweit aufmerksam zu machen, sie zu schützen und zu fördern. Benedikt Weiss hat das zwei Jahre als Juniorfachkraft im Zivilen Friedensdienst (ZFD) bei der kolumbianischen Organisation INDEPAZ getan.


In Kolumbien gehören nach Angaben der Volkszählung 2005 fast 1,4 Millionen Menschen verschiedenen indigenen Gemeinschaften an, dass sind etwa 3,4 Prozent der Gesamtbevölkerung.


Die Existenz der etwa 85 indigenen Völker, wurde in der Verfassung von 1991 offiziell anerkannt. Den Indigenen Kolumbiens ist es zwar wie in kaum einem anderen lateinamerikanischen Land gelungen, ihre territoriale und kulturelle Anerkennung durchzusetzen. Doch die Umsetzung der in der Verfassung garantierten Rechte auf die Einheit indigener Territorien, verträglichen Rohstoffabbau, die Anerkennung der indigenen Sprachen als Amtssprachen und spezifische Rechtsprechung verlangt noch viel politische Arbeit.


Blick auf eine Cerrejón-Grube

Im Norden Kolumbiens – in der Region La Guajira – befindet sich der Minenkomplex Cerrejón, einer der größten Steinkohletagebaue der Welt. Das Abbaugebiet liegt im traditionellen Siedlungsgebiet der Wayúu. Die Wayúu sind das zahlenmäßig größte indigene Volk in Kolumbien und ihr Territorium reicht weit über die Landesgrenze nach Venezuela hinein.


Die afrokolumbianische Bevölkerung und das Volk der Wayúu, die in diesem Gebiet leben, sind von der stetigen Ausweitung der Bergbauaktivitäten betroffen. Die Menschen werden auf unterschiedliche Weise von ihrem Land vertrieben, Weide- und Anbauflächen gehen verloren, Kohlestaub lagert sich in der Gegend ab, Bäche und Flüsse werden unwiderruflich zerstört, der Grundwasserspiegel für die Extraktion künstlich abgesenkt. Die Folgen sind verheerend.


In diesem Umfeld werden die betroffenen Gemeinden von nationalen Nichtregierungsorganisationen wie INDEPAZ – dem Instituto de Estudios para el desarrollo y la paz – bei der Verteidigung ihrer Territorien unterstützt. Denn die indigenen und afrokolumbianischen Gemeinden sind zwar die Experten in eigener Sache, aber ihre Stimmen finden nicht ausreichend Gehör bei den Politikern und den Unternehmensverantwortlichen.

 

Um das Abbaugebiet haben sich nicht nur die Vegetation sondern auch die sozialen Gefüge verändert. Der gewaltsame Verlust des ursprünglichen Territoriums verstärkt das Auseinanderbrechen der Beziehungen zwischen den Gemeindemitgliedern und bedeutet auch einen Verlust der kulturellen und spirituellen Integrität der Gemeinde. Hinzu kommen die unterschiedlichen Versprechungen von Seiten offizieller wie inoffizieller Unterhändler, die im Namen des Unternehmens in den Gemeinden auftauchen und diese als Gemeinschaft weiter auseinanderdividieren. Widerstand seitens der Gemeinden wird notfalls mit Einschüchterung und Gewalt zurückgedrängt.


Überreste einer Gemeinde, die umgesiedelt wurde

In der Begleitarbeit von INDEPAZ wird versucht, diese verlorengegangenen Bindungen der betroffenen Bevölkerung  wieder zu erneuern. Es geht darum das soziale Netz in den Gemeinden wieder zu festigen, über die Probleme zu sprechen, sich auszutauschen, Gemeinsamkeiten zu entdecken, und als Kollektiv gemeinsam sprechen zu können.


INDEPAZ unterstützt die Gemeindevertreter/-innen  bei der Sensibilisierungs- und Vernetzungsarbeit in ihren Gemeinden und  bei den Auseinandersetzungen  mit dem Unternehmen Cerrejón oder internationalen Importeuren kolumbianischer Kohle, wie z.B. deutschen Energiekonzernen. Die Gemeinden weisen dabei immer wieder auf die Veränderungen der Umwelt und auf Gesundheitsprobleme hin, die sie feststellen, aber es fehlt an methodisch-systematisch gesammelten Daten, die vor Gericht Beweiskraft haben.  Deswegen kooperiert INDEPAZ mit Universitätsinstituten, um eine toxikologische Studie zusammen mit den Gemeinden voranzubringen.

 
Schlussendlich möchte INDEPAZ nicht nur die vom Bergbau betroffenen indigenen Gemeinden unterstützen, sondern erreichen, dass eine konsequent nachhaltige Umweltpolitik auf die politische Agenda gesetzt wird. Die Zerstörung von Natur und Wasserquellen wird die bestehenden Konflikte weiter vorantreiben. Die Herausforderungen, vor denen die indigenen Bevölkerungen in Kolumbien stehen, sind nicht die Probleme einer Minderheit sondern es handelt sich um Zukunftsfragen für die ganze Menschheit.

 

Text: Benedikt Weiss / Fotos: Bianca Bauer / Bearbeitung: Katharina Engels