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Konfliktbearbeitung durch gemeinsame Trauer ist mehr als nur trauern!

Rückblick auf den Memorial Day 2018

ZFD-Fachkraft Raphael Nabholz blickt auf den Bi-Nationalen Memorial Day 2018 zurück. Als Berater für Organisationsentwicklung und Öffentlichkeitsarbeit unterstützt er die Friedensbewegung Combatants for Peace in Israel und Palästina, die den Gedenktag alljährlich organisiert.

Knapp 8.000 Menschen nahmen an der Veranstaltung teil.

Am 17. April 2018 gedenkt der Staat Israel jedes Jahr seiner verstorbenen Soldat/-innen und Opfern des Nahostkonfliktes. Die AGEH-Partnerorganisation Combatants for Peace organisiert deshalb seit 13 Jahren an diesem Tag die Israelisch-Palästinensische Gedenkzeremonie, eine der größten Veranstaltungen der israelisch-palästinensischen Friedensbewegungen. Angelehnt an die staatlichen Veranstaltungen wird in dieser Erinnerungsfeier nicht nur an die israelischen, sondern auch die mehrere tausend palästinensischen Opfer erinnert. Diese humane Geste ist in der Komplexität des Nahostkonfliktes auf beiden Seiten hochgradig umstritten. Trotz aller Schwierigkeiten und Behinderungen nahmen in  diesem Jahr knapp 8.000 Menschen an der gemeinsamen Zeremonie teil. Durch die Teilnahme des prominenten Autors und Israel-Preis-Gewinners David Grossman stieg die Aufmerksamkeit.

Für die bi-nationale Friedensbewegung Combatants for Peace ist die Gedenkzeremonie mehr als ein emotionaler Abend des Gedenkens an getötete nahestehende Menschen. Es ist ein essentieller Baustein ihrer Friedensarbeit mit einem monatelangen Organisationsprozess, der mindestens genauso wichtig ist, wie die Veranstaltung selbst.


Der Memorial Day ist die einzige Gedenkveranstaltung, die von Israelis und Palästinensern gemeinsam organisiert wird. Palästinensische und israelische Künstler/-innen musizieren zusammen.

Einerseits spitzen sich auf der politischen Ebene schon Wochen vor der Veranstaltung jedes Jahr die ‚Grabenkämpfe‘ zwischen rechts- und linksgerichteten Israelis zu. Es ist ein Kampf wie David gegen Goliath. Die kleine Minderheit an israelischen Friedensaktivisten gegen Nationalisten und Regierung, die auch in diesem Jahr mit allen Mitteln versuchten, die Veranstaltung zu verhindern. So sollte der Veranstaltungsort kurzfristig abgesagt und die Einreisegenehmigungen der palästinensischen Teilnehmer/-innenzu annulliert werden. Combatants for Peace reichte einen Eilantrag am Obersten Israelischen Gerichtshof ein – und bekam in letzter Minute, am Tag der Veranstaltung, Recht. Und somit war es eben diese israelische Minderheit, die die israelische Regierung an ihre demokratischen und rechtsstaatlichen Pflichten erinnert.

Wichtiger als jeder politische Erfolg sind für Combatants for Peace die individuellen, menschlichen Beziehungen zwischen Israelis und Palästinensern, die durch das gemeinsame Organisieren entstehen.


„Wir trauern gemeinsam für eine friedliche Zukunft – Toleranz und Vertrauen anstatt Hass und Gewalt“, so lautet das Credo der Combatants for Peace.

Schon bei folgenden Fragen: „Welche Künstler/-innen werden eingeladen? Welche politischen Positionen beziehen wir öffentlich? Wie reagieren wir auf Angriffe gegen die Veranstaltung von Israelis und Palästinenser/-innen?“, zeigte sich, wie schwierig dies in einem interkulturellen Umfeld mit ungleichen Machtverhältnissen ist.

„In meiner Rolle als integrierte Fachkraft sehe ich die Prozesse aus einem externen Blickwinkel und gebe Anstöße, das eigene Narrativ der jeweiligen Seite, israelisch oder palästinensisch, kritisch zu hinterfragen“, sagt Raphael Nabholz. Der Gedenktag ist wohl jedes Jahr das herausforderndste Ereignis bei den Combatants for Peace, und bei all der Arbeit und den täglichen, politischen und logistischen Herausforderungen ist es wichtig, das eigentliche Ziel nicht aus den Augen zu verlieren: Versöhnung und Wahrnehmung des Anderen als Mensch. Mit gleicher Würde und gleichen Rechten.


Letzte Teambesprechung bevor die Veranstaltung beginnt. Den Gedenktag organisieren ausschließlich Ehrenamtliche

Nach der Veranstaltung geht die Arbeit weiter. Die derzeitige politische Situation ist alles andere als hoffnungsvoll, aber die Combatants for Peace wollen durch vielfältige menschliche Beziehungen Zeichen der Hoffnung setzen. Sie versuchen mehr Israelis und Palästinenser davon zu überzeugen, dass es einen Partner für Frieden auf der anderen Seite gibt.  Menschlichkeit zu bewahren, ist das eigentlich Entscheidende – gerade in einer Zeit gewaltsamer Kämpfe.

 


Fotos: Rami Ben-Ari und Tatjana Gitlis/Combatants for Peace, Text: Raphael Nabholz/Bearbeitung: Ursula Radermacher