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Erinnerungsarbeit in El Salvador

Suche nach den verschwundenen Kindern
Übergabe der sterblichen Überreste in der Rechtsmedizin (rechts: Theresa Denger)

Was passierte mit den Kindern während des Bürgerkriegs von 1980 bis 1992 in El Salvador? Dieser Frage widmet sich "Pro-Búsqueda" und stellt konkrete Nachforschungen an. Bei der Menschenrechtsorganisation arbeitet seit über einem Jahr Dr. Theresa Denger als ZFD-Fachkraft. Sie war dabei, als im September die von Pro-Búsqueda exhumierten sterblichen Überreste von sechs vom Militär ermordeten Kindern in der Gemeinde von Arcatao beerdigt wurden.


Den Kindern die letzte Ehre erweisen

Es ist ein Tag, auf den ihre Eltern lange warten mussten – der Tag an dem ihre Kinder zu Grabe getragen werden. Rafael, Mauricio, Milagro, Pastor, Gladis und Nolberta wurden im Mai 1982 von Soldaten ermordet und waren seitdem verschwunden. Ihr Schicksal kam erst im Januar dieses Jahres ans Tageslicht, als Pro-Búsqueda in Zusammenarbeit mit der staatlichen Suchkommission die sterblichen Überreste am Dorfrand exhumierte. Durch DNA-Analysen konnten ihre Identitäten sichergestellt werden. Familienangehörige hatten den Fall bereits 1995 gemeldet.

 

Bis heute sind bei der Nichtregierungsorganisation 979 Fälle verschwundener Kinder eingegangen, die auf die Zeit des Bürgerkriegs zurückgehen. Über mühselige Zeugenbefragungen, Dokumentenanalyse und DNA-Proben konnten bereits 441 Fälle aufgeklärt werden. Damit konnten nicht nur zerrissene Biographien Einzelner heilen, sondern gleichzeitig wurde die unversöhnte Vergangenheit eines ganzen Landes aufgedeckt.


Die engsten Angehörigen der verschwundenen Kinder

In den 80er Jahren ging das von den USA unterstützte Militär im Kampf gegen die Guerilla auch gegen die unbeteiligte Landbevölkerung vor, die als dessen Rückhalt und Nährboden betrachtet wurde. Während bei den Massakern zu Kriegsbeginn die Kinder meist zusammen mit ihren Familien ermordet wurden, kam es später vermehrt zu Kinderraub und – unter Beteiligung renommierter Anwälte – zu lukrativen Adoptionen ins Ausland. So kommt es, dass der Großteil der von Pro-Búsqueda wiedergefundenen Kinder heute noch am Leben ist. 275 von ihnen konnten ihre leiblichen Familie wiedersehen, einige auch eine Beziehung aufbauen.

 

ZFD-Fachkraft Theresa Denger versteht sich hier als Begleiterin und Brückenbauerin, da sie nicht nur sprachlich, sondern auch kulturell zwischen beiden Seiten – oft zwischen Welten – vermittelt. Dabei setzt ihre Arbeit bereits dort an, wo im Ausland adoptierte Salvadorianer/-innen die Organisation um Hilfe bei der Suche nach ihren Ursprüngen bitten. Diesen Anfragen geht sie in Zusammenarbeit mit Pro-Búsquedas Forschungsteam nach, durchforstet Adoptionsurkunden, klappert Adressen ab und entnimmt DNA-Proben.


Kardinal Rosa Chávez segnet die Toten

Dass die Ursachen des Krieges nicht behoben und die begangenen Verbrechen nicht aufgearbeitet worden sind, ist heute in El Salvador schmerzlich zu spüren: Von Jugendbanden und Polizei begangene Gewaltverbrechen gehören zum Alltag und bleiben unbestraft. Die Mordrate ist höher als zu Kriegszeiten. Der Ruf des "Nie-Wieders" der Opfer scheint ungehört zu bleiben.

 

In Arcatao jedoch hallt dieser Ruf weiter. Die Dorfgemeinschaft hat sich zur Messe versammelt, auch Menschen von außerhalb sind gekommen, unter ihnen der kurz zuvor ernannte Kardinal Gregorio Rosa Chávez. Nach dem Einzug in die Kirche schwenkt er über den mit Blumen geschmückten Särgen Weihrauch. Kerzen brennen. Sechs Kinder treten als Zeichen der Hoffnung auf ein "Nie-Wieder" nach vorne. Zur Gabenbereitung werden die Namen der Ermordeten und Erinnerungsstücke dargebracht.


Kinder als Zeichen der Hoffnung für ein "Nie-Wieder"

Die Gedenkfeier mündet in eine Prozession zum sogenannten "Heiligtum der Märtyrer", wo die Ermordeten schließlich beigesetzt werden. Gefühle der Empörung und Dankbarkeit vermischen sich. Eine Frau aus dem lokalen Komitee für historische Erinnerung hat für jedes Kind einen Gedenkvers verfasst; dem damals fünfjährigen Mauricio gelten folgende Worte:

 

"Dieses wehrlose Kind wurde wie so viele andere massakriert als wäre es ein Verbrecher. Dabei wollte es doch nichts sehnlicher als leben. Wenn sie Mauricio nicht ermordet hätten, wäre er heute sicherlich ein fleißiger Mann, der sich für die Gemeinschaft einsetzten würde. Mit Mauricio bekennen wir uns zur Achtung vor dem Leben und zum Schutz aller Kinder."

 

Text: Theresa Denger / Fotos: Carolina Nolasco