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Erzieherinnen setzen interkulturelle Brille auf

Flüchtlinge anders sehen

Constanze Blenig war von 2010 bis 2015 ZFD-Fachkraft für Menschenrechtsarbeit in Kenia. Parallel zu ihrem beruflichen Neuanfang waren in Deutschland Flüchtlinge ein großes Thema, das auch Erzieherinnen in deutschen Kitas betraf. Constanze Blenig erzählt, was die Erfahrungen aus Kenia mit  ihren Fortbildungen für Erzieherinnen verbindet.

Constanze Blenig gibt regelmäßig Seminare in der AGEH.

Wie hat sich Ihr beruflicher Einstieg in Deutschland entwickelt ?


Ein Jahr nach der Rückkehr als Fachkraft in der Diözese Nakuru/Kenia  habe ich mich als freiberufliche Trainerin und Beraterin selbständig gemacht. Ich wollte gerne weiter mit der AGEH zusammenarbeiten und biete für die Fachkräfte in der Vorbereitung den Kurs Projektmanagement an. Ich vermittle eine Methode zum wirkungsorientierten PME (Planung, Monitoring, Evaluierung), die Kollegen und ich als Pilotprojekt mit lokalen Experten ausprobiert und umgesetzt haben. Zusätzlich konnte ich zwei internationale AGEH-Workshops fürPME-Berater moderieren.


Wie sind Sie zur Flüchtlingsarbeit gekommen?


Als ich 2015 aus Kenia zurück kam, war das Thema Flucht in Deutschland sehr präsent. Darüber sprach ich auch mit Freundinnen und Kolleginnen, die als Beraterinnen in der frühpädagogischen Bildung arbeiten. Sie brachten mich auf die Idee,  in  diesem Bereich Fortbildungen zum Thema Flucht anzubieten.  Hintergrund war, dass die Erzieherinnen in den Kitas oft  nicht wussten, wie sie mit Kindern und derern Eltern, die durch Fluchterfahrungen traumatisiert waren, umgehen sollten. Also begann ich, mich mit kultursensibler Pädagogik auseinanderzusetzen. Inzwischen biete ich passende Seminare für Kitas und Grundschulen an.  Meine Erfahrungen aus Kenia aus der interkulturellen Verständigung, Kommunikation und Kompetenz fließen dabei ein.


Gibt es weitere Erfahrungen aus Kenia, die Sie in Ihre Arbeit in Deutschland einbringen?


Im Bezug auf Menschen mit Fluchterfahrung bin ich stark sensibilisiert. Ich weiß, was es heißt in Umständen zu leben, die von Perspektivlosigkeit und Konflikten  geprägt sind. In Nakuru haben wir in den Versöhnungsprojekten mit Binnenflüchtlingen gearbeitet, die durch gewaltsame Konflikte nicht nur Angehörige, sondern auch all ihr Hab und Gut verloren hatten. Sie wollten einfach nur wieder ihr „normales“ Leben führen.  Ein weiteres prägendes Bild aus Kenia ist die sehr große Anzahl an Jugendlichen, die trotz guter Bildung keine Chance haben, sich eine Existenz aufzubauen. Daher ist es mir wichtig , dass für die Menschen und ihre Beweggründe sich auf den zu Weg machen, Verständnis entsteht. Für mich ist das durch das Leben  in Kenia gut nachvollziehbar.


Ist diese Perspektive denn auch bei den Menschen gefragt, mit denen Sie zusammenarbeiten?

Ja, unbedingt! In den Fortbildungen geht es letztlich um interkulturelle Kommnunikation und Kompetenz. Wenn Familien aus anderen Kulturkreisen in die Kindertageseinrichtungen und Schulen kommen, prallen oft verschiedene Eziehungsvorstellungen und Vorurteile aufeinander.. Es ist nötig, sich Zeit für Reflexion zu nehmen und bereit zu sein, sich der eigenen Vorurteile bewusst zu werden. Auch das Wissen um kulturelle Unterschiede, ist wichtig. Ein Beispiel: In der deutschen Mittelschichtsgesellschaft, zu der ich mich zähle,  erziehen wir unsere Kinder in erster Linie zu selbständigen Persönlichkeiten. Wir fordern sie sehr früh auf ihre eigene Meinung zu äußern. Die Bedürfnisse der Kinder werden oft über die der sozialen Gruppe gestellt. Das ist aber in anderen Kontexten/Ländern komplett anders. Dort ist das Kind zunächst mal Teil der Gruppe. Da mag es eben gerade nicht erwünscht sein, dass das Kind seine Meinung kundtut. Diese Unterschiedlichkeit kann zu Irritationen im Kitaalltag führen. Ich versuche dafür zu sensibilisieren diese Unterschiede wahrzunehmen.


Text: Theresa Meier/Ursula Radermacher, Foto: Theresa Meier