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Internationaler Workshop in Kolumbien

Hoffnung trifft auf schmerzhafte Vergangenheit
Teilnehmer des Workshops in Bogotá. Mit dabei ZFD-Fachkraft Thomas Mecha (1.R., 2.v.r.)

Die Veranstaltung "Erinnerung, Wahrheit, Gerechtigkeit – zum Umgang mit gewaltbelasteter Vergangenheit"  brachte vom 19. bis 25. März mehr als 50 Teilnehmer/-innen in Bogotá zu einem spannenden Austausch zusammen.

Organisiert wurde der internationale Workshop von AGEH, Justitia et Pax und der Nationalen Versöhnungskommission in Kolumbien (CNN), die Teil der kolumbianischen Bischofskonferenz ist. ZFD-Fachkraft Thomas Mecha war mit dabei. Er berichtet, wie er den Workshop erlebt hat und was er für seine Arbeit in Burundi davon mitnimmt.


Eine Überlebende erzählt ihre Leidensgeschichte

"Sie haben meinen Vater getötet, meine Träume konnten sie aber nicht töten". Auf ergreifende Weise erzählte uns eine Frau von ihrem persönlichen Leidensweg während des kolumbianischen Bürgerkriegs. Ihr Erfahrungsbericht, der von Schmerz aber auch von lebensbejahender Hoffnung zeugte, ist nur einer von vielen Eindrücken, die ich aus Kolumbien mitnehme.

 

Wie kann eine Gesellschaft - trotz gewaltbelasteter Vergangenheit – in Richtung Frieden und Versöhnung aufbrechen? Welchen Beitrag können Friedensorganisationen dabei übernehmen? Mit diesen und weiteren Fragen befassten sich eine Woche lang mehr als 50 Friedensfachkräfte, Theologen und Kirchenvertreter aus 15 Ländern bei der Veranstaltung "Erinnerung, Wahrheit, Gerechtigkeit – zum Umgang mit gewaltbelasteter Vergangenheit" in Bogotá. Alle von ihnen arbeiten in Kontexten, in denen gewaltsame Konflikte aus der Vergangenheit tiefe Wunden in der Gesellschaft hinterlassen haben. Der Workshop folgte dafür einem praxisnahen Ansatz. Wir sprachen nicht theoretisch über Opfer und Täter, sondern mit Vertreter/-innen dieser Gruppen. Und gerade diese persönlichen Begegnungen ermöglichten es uns, die menschlichen Perspektiven, Gefühle und Sichtweisen der Betroffenen näher kennenzulernen.


Gesprächsrunde während der Gastlandsveranstaltung

Aufarbeitung des Geschehenen

 

Während unseres Treffens mit Opfern des Bürgerkriegs hörten wir schockierende Geschichten von wiederholter Flucht, Ermordungen von Familienmitgliedern, Misshandlungen, Verlust von Land und vom heutigen Überlebenskampf. Ihre Geschichten gaben der Gewalt ein menschliches Gesicht. Was mich beeindruckte, war ihre große Widerstandsfähigkeit. Oft stellen wir uns Opfer als gebrochene Menschen vor, hilflos und einsam. Diese Opfer jedoch nehmen ihre Zukunft in die Hand; einige von ihnen übernehmen Verantwortung in Nachbarschaftsprojekten. Zivilgesellschaftliche Angebote helfen ihnen dabei. Einige Opfer zeigten auch Willen zur Versöhnung, verwiesen aber im gleichen Atemzug auf die Notwendigkeit, das Geschehene aufzuarbeiten. "Wir können zwar nicht vergessen, jedoch sind wir bereit, zu vergeben. Die Vergangenheit muss aber beleuchtet werden."


Schwieriges und angespanntes Treffen mit den Generälen

Im Vergleich dazu erlebte ich unser Treffen mit einer Vereinigung ehemaliger hochrangiger Militärs, denen Menschenrechtsverletzungen und Kriegsverbrechen vorgeworfen werden, eher als ernüchternd. Die Generäle sahen sich selbst als die hauptsächlichen Opfer des Krieges und zeigten keine Spur von Selbstkritik oder Dialogbereitschaft. Erst in einer internen Gruppenreflexion schafften wir es, ihre Sicht - bedingt - nachzuvollziehen. Im militärischen Milieu sozialisiert, erlebten sie 50 Jahre nichts als Krieg, sahen sich immer als Garant der territorialen Souveränität und tun sich nun schwer, das nötige Vertrauen für ihre Gegner aufzutun. Man hatte den Eindruck, der bittere Krieg hatte sie zum Teil entmenschlicht. Wir fragten uns als Teilnehmende, ob sie fähig seien, eine konstruktive Rolle in einem nachhaltigen Friedensprozess zu spielen.

 

Pluralität an Erinnerungen

 

Bei unserem letzten Besuch trafen wir Mitarbeiter des "Nationalen Zentrums für historische Erinnerung". Sie erklärten uns ihren Beitrag an der geschichtlichen Aufarbeitung des 52-jährigen Konflikts. Durch Recherchen versuchen sie, die unterschiedlichen Perspektiven der Akteure im Konflikt niederzuschreiben und so die Geschichte allen Kolumbianern schriftlich verfügbar zu machen. In unserem Gespräch wurde eine ihrer zentralen Herausforderungen deutlich: Aktuell schreiben viele Akteure ihre Geschichte nieder. Es scheinen unterschiedliche Versionen der Geschehnisse parallel zu existieren, die gegenseitig um Anerkennung kämpfen. Die Mitarbeiter des Zentrums fragen sich: Wie kann aus dieser Pluralität an Erinnerungen ein kohärentes Bild entstehen, das eine versöhnende Kraft für den Friedensprozess ausstrahlt?


Kirchliche Vertreter besitzen wichtige Rolle in Dialogprozessen

Für mich wurde durch alle drei Treffen deutlich, dass zwischen den Akteuren viel Misstrauen herrscht und dass Vertrauen eine der kostbarsten Währungen in "Post-Konflikt-Zeiten" ist. Eine Teilnehmerin verglich die Situation in Kolumbien mit einem zerbrochenen Teller. Die einzelnen Stücke müssten behutsam wieder zusammengefügt werden. In diversen Gesprächen durfte ich erfahren, welches Potential kirchliche Akteure haben, um vertrauensvolle Dialogräume zu schaffen. Ihnen wird von unterschiedlichen Seiten Vertrauen geschenkt. Kirche kann in solchen Zeiten als wichtiges Bindeglied fungieren, um eine Gesellschaft wieder zusammenzuführen.

 

Was tun mit diesen Eindrücken? Ich spüre nun die Verantwortung, die Eindrücke aus Kolumbien in praktische Taten in Burundi umzusetzen. Burundi befindet sich aktuell in der schwierigen Phase, seine konfliktreiche Vergangenheit in einer Wahrheitskommission aufzuarbeiten. Als von außen kommende Fachkraft sehe ich meine Aufgabe darin, kirchliche Akteure, Bürgerkriegssopfer und Friedensakteure dazu zu ermutigen, den schwierigen Weg der Vergangenheitsbewältigung zu gehen. Hier können mir die Beispiele aus Kolumbien helfen. So kann ich von Überlebenden und Friedensakteuren erzählen, die sich aktiv mit der Vergangenheit befassen und gleichzeitig hoffnungsvoll in die Zukunft schauen.

 

Die offizielle Schlusserklärung der Veranstaltung finden Sie hier: "Conclusion of the workshop"


Zum Autor: Thomas Mecha ist Friedens- und Konfliktforscher und arbeitet seit 2015 als ZFD-Fachkraft der AGEH bei der Commission Diocésaine Justice et Paix Bururi/Burundi.  

Fotos: Comisión de Conciliación Nacional (CCN)