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Familiäre Strukturen in der Mongolei

Zwischen Tradition und Moderne
Jan Felgentreu mit Familie und buddhistischem Würdenträger

Jan Felgentreu ist als Berater für den Kleinprojektefonds der Apostolischen Präfektur in der mongolischen Hauptstadt Ulaanbaatar tätig. Seine Mitarbeit wird von Misereor finanziert. Mehr als 20 Jahre lebt er nun schon im zweitgrößten Binnenstaat der Welt. Zusammen mit seiner mongolischen Frau hat er dort seine Heimat gefunden. Welche Bedeutung und welchen Stellenwert die Familie in der Mongolei hat, verrät er im Interview.


Jan Felgentreu mit Tochter Dulmaa in Honkong

Was heißt "Familie" in dem asiatischen Staat?


"Familie" hat in der Mongolei eine weit größere Bedeutung als in Deutschland, weil sie dort auf der Nomadenkultur fußt, die für Großfamilien bekannt ist. Die Kinder sind sozusagen eine Altersversorgung für die Eltern und Großeltern. Alle leben zusammen unter einem Dach. Das ist auch heute noch so, obwohl der Raum sehr beengt ist. Im modernen westlich geprägten Leben bringt dies heute viele Probleme mit sich, weil die jungen Leute sich nicht mehr ständig um ihre Eltern kümmern, sondern auch selber versuchen wollen, ihr Leben zu gestalten. Gleichzeitig stehen sie aber unter starkem Druck der Eltern oder Großeltern, die sagen: "Du musst jetzt etwas machen, damit es mir besser geht". Dieses Problem führt auch dazu, dass die Leute jetzt weniger Kinder haben.

 

Ist das Überleben des klassischen Familienverbandes in Gefahr?


Wir sagen immer, die Familienstrukturen zerbrechen so langsam. Das bringt wiederum eine starke Migration in Richtung Hauptstadt mit sich. Diese nomadischen Familien kämpfen jetzt ums Überleben. Die jungen Leute wollen alle weg, deshalb ist es so, dass die Hälfte der mongolischen Bevölkerung schon in der Hauptstadt lebt. Dort gibt es für die Menschen aber auch viele soziale Probleme. Sie haben häufig keine Arbeit und leben in Elendsvierteln.


Viele suchen auch die Chance, das Land zu verlassen, wenigstens für ein paar Jahre oder minimal für drei Monate. Größtenteils gehen die jungen Leute nach Korea. Dort gibt es bis zu 50.000 mongolische Gastarbeiter. Oder es zieht sie nach Japan. Dadurch werden bestehende Familien getrennt. Ich sage immer: "Die Mongolen machen es sich einfach, die geben immer ihre Kinder an die Großeltern ab, von denen sie dann erzogen werden."


Besuch in einem Projektkindergarten

Inwiefern wirkt sich das auf die Eltern-Kind-Beziehung aus?


In meinem Bekanntenkreis sind viele, die mir erzählen, dass sie bei den Großeltern aufgewachsen sind und viel engere Beziehungen zu ihnen, als zu den Eltern haben. Hinzu kommt, dass fast jede zweite Ehe geschieden wird. Wir haben ganze Landstriche in der Mongolei, speziell in der Gobi, in denen nur noch Frauen mit Kindern leben.

 

Welche Konsequenzen hat das?


Oftmals geraten die Frauen ins soziale Abseits. Da kommen wir auch häufig mit kleineren Projekten ins Spiel. Es gibt Fortbildungskurse, kleine Berufsausbildungskurse, in denen wir der Frage nachgehen: "Was können die Frauen zuhause machen, womit könnten sie Einkommen erzielen?" Oder, wir klären sie zum Beispiel über ihre rechtliche Lage auf. Weil die Familienstrukturen immer mehr zerbrechen, hat die Mongolei ab Januar 2017 ein Gesetz gegen Gewalt in der Familie in Gang gebracht. Damit können jetzt härtere Strafen verhängt werden. Oftmals wird die Gewalt in der Familie durch den Alkoholmissbrauch ausgelöst. Das wird jetzt härter geahndet und natürlich auch der Kindesmissbrauch, der früher überhaupt nicht auf der Agenda stand.


Tochter Dulmaa mit dem neuen Schwesterchen

Wie sieht die Rollenverteilung in der Familie aus?


Es gibt keine strikte Rollenverteilung. In dieser Hinsicht sind Frauen und Männer relativ gleichberechtigt. Ich würde sagen, die Mongolei ist in Asien das einzige Land, in dem es eine gute Gleichberechtigung gibt. Das hängt mit dem Sozialismus zusammen. Die Mongolei war 70 Jahre lang ein sozialistisch geprägter Staat. Da hat man versucht, die Frau dem Mann gleichzustellen. Das ist ein positives Überbleibsel aus der alten Zeit.


Gibt es spezielle Rituale, die im Rahmen der Familie praktiziert werden?


Es gibt viele kleine Rituale. Die Mongolen sind ein sehr abergläubisches Volk mit vielen kleinen Dingen, die man machen muss oder nicht machen darf. Ein wichtiges Ritual ist die "Haarschneidezeremonie" für Kinder. Dreijährigen Jungen und vier- bis fünfjährigen Mädchen werden die Haare geschnitten. Es ist ein Symbol dafür, dass die Kinder auf der Erde aufgenommen werden. Da werden große Feste gefeiert und jeder Gast darf eine Haarsträhne abschneiden und muss diese mit ein bisschen Geld dem Kind zurückgeben.


Ansonsten ist das wichtigste, immer wiederkehrende Ritual, das Neujahrsfest beziehungsweise das Mondfest. Da werden die ältesten Menschen der Familie geehrt. Da geht es auf der Rangliste immer weiter runter. Zunächst stehen die  Urgroßeltern im Fokus, dann die Großeltern und schließlich die Eltern. Sie bekommen kleine Geschenke und man feiert zusammen.


Abitur-Abschluss von Sohn Bruno

Ihre Frau ist auch Mongolin, wurden Sie gut in ihre Familie aufgenommen?

 

Mein Schwiegervater hat zu Anfang gesagt, dass ich nicht nur so mit seiner Tochter befreundet sein könne, sondern sie heiraten müsse. Zu dem Zeitpunkt war ich 29 Jahre alt. Ein Jahr später haben wir dann auch geheiratet. Meine Frau ist elf Jahre jünger als ich, aber dieser Altersunterschied ist ganz gut. Wären wir zwölf Jahre auseinander gewesen, hätten wir nicht heiraten können, denn dann hätten wir das gleiche Sternzeichen gehabt, und das hätte Unglück gebracht. Wir haben mittlerweile drei Kinder. Der Älteste ist 20 Jahre alt und studiert in Dresden an der Technischen Universität, die Mittlere ist elf Jahre alt und ist in der fünften Klasse an einer internationalen Schule und die Kleinste ist drei Monate jung.

 

Ich habe in Anführungsstrichen das "Glück", dass ich nicht so eine große mongolische Familie habe. Aus anderen Ehen mit einem ausländischen Partner kennt man das häufig, dass sie sehr stark unter Druck stehen, die ganze Familie zu unterstützen und zu finanzieren. Das hat schon häufig zu Problemen geführt.


Jan Felgentreu mit Sohn Bruno in Deutschland

Sie sind in Deutschland aufgewachsen. Vermissen Sie etwas von den familiären Strukturen oder würden Sie sagen, Sie haben durch die mongolische Familie viel mehr hinzugewonnen?


Familiär vermisse ich nicht so viel. Ich bin ein bis zwei Mal in Deutschland. Was ich eher vermisse, ist das maritime Klima, das Meer, da ich von der Insel Usedom stamme. Also, ich brauche normalerweise Wasser, das ist schon ein bisschen schwieriger.


Bezüglich des Familienzusammenhalts kann man sagen, dass es in der Mongolei noch so ist, dass die Alten immer noch das Sagen haben, während das hier in Deutschland eher weniger der Fall ist. Manchmal ist das ein bisschen übertrieben, denn das heißt, jeder der alt ist denkt, er hätte gewisse Rechte, die er eigentlich nicht hat. Auf der anderen Seite ist es natürlich gut, wenn das Alter geachtet wird. Ich finde, da muss eine gewisse Balance gefunden werden.

 

Interview: Theresa Meier / Fotos: Jan Felgentreu