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Bildungsarbeit in Ägypten

Kinder Kind sein lassen
Diplom-Pädagogin Hedda Gienger

Auf kleinen Stühlen, an kleinen Tischen sollen Dreijährige Lesen und Schreiben lernen. "Das ist viel zu früh und schädigt die Entwicklung der Kinder", sagt die Diplom-Pädagogin Hedda Gienger im AGEH-Interview.

 

Fünf Jahre hat sie sich schon für eine verbesserte Qualität des Schulunterrichts in Ägypten engagiert. Jetzt ist sie für drei weitere Jahre im Rahmen einer Frühförderungsinitiative in Kindergärten aktiv. Ihre Arbeit wird von dem Kindermissionswerk "Die Sternsinger" e.V. und Misereor finanziert.


Ein Klassenzimmer in Abajuha (Al-Minya)

Wie sieht Ihre zukünftige Arbeit in Ägypten aus?

 

Im vergangenen Jahr haben wir in der Organisation "Jesuits' and Brothers' Association for Development" (JBA), für die ich tätig bin, eine Frühförderungsinitiative mit fünf verschiedenen Organisationen in Minya gegründet. Sie alle betreiben Kindergärten oder haben ein Frühförderungsprogramm und möchten die Art und Weise, wie sie mit den Kindern umgehen, verändern. Das ist auch dringend nötig. Wenn ich in Ägypten in Kindergärten gehe, ist das nicht so einfach für mich, denn dort werden Dreijährige behandelt als wären sie schon zwölf oder fünfzehn Jahre alt.


Also Kinder dürfen gar nicht Kind sein?

 

Für kleinere Kinder sind es Aufbewahrungsanstalten, wie sie es früher in Deutschland auch gab und für die älteren Kinder ist es einfach Schule. Das ist schlimm anzusehen, wie das an den Kindern vorbeigeht. Sie sollen kleine Uniformen tragen, sitzen auf kleinen Stühlen, an kleinen Tischen und dann geht es da ums Lesen, Schreiben, Rechnen und um Arabischunterricht. Das ist einfach nicht altersgerecht. Das ist auch so schlecht für die Gehirnentwicklung dieser Kinder, die an sich ganz anders lernen. Nicht ohne Grund reden wir über die frühkindliche Entwicklungsphase, aber die spezifischen Charakteristika dieser Phase sind den Erzieherinnen gar nicht bewusst, auf die man aber eingehen sollte, denn sonst wirkt sich das unglaublich negativ auf die Kinder aus.


Das Team des Schulprojektes aus Aswan.

Woher kommt das, dass die Erzieherinnen nicht dieses Bewusstsein haben?

 

Die Arbeit mit kleinen Kindern hat keinen großen Stellenwert in der ägyptischen Gesellschaft. In der Regel übernehmen Frauen diese Aufgabe, die keine große Wertschätzung für ihre Tätigkeit erfahren. Viele von ihnen haben keine Ausbildung, da reicht dann oftmals die mütterliche Art, die sie an sich haben. Auch wenn in diesem Bereich viel Verbesserungsbedarf besteht, werden die Kinder nichtsdestotrotz geliebt und sind die Lieblinge von allen.

 

Sind denn die Menschen vor Ort offen für Ihre Ratschläge?

 

Alle Ägypter sind sich einig, dass das Bildungssystem in Ägypten verbesserungswürdig ist, aber dann auch wirklich den Schritt zur Veränderung zu machen, ist schwierig.  Wenn ich mit den Leuten in der Initiative und den Erzieherinnen einen Kindergarten anschaue, der eine offene Hausstruktur hat, ist ihnen das völlig fremd. Denn sie sind es gewohnt, dass, wenn sie etwas sagen, es beim Kind auch ankommt, sie sozusagen mit dem Trichter Wissen in das Kind füllen. Die Realität sagt ihnen aber eigentlich, dass die Methode, die sie benutzen nicht funktioniert. Zusätzlich stellen die Eltern eine Schwierigkeit dar. Sie wollen, dass ein Drei- oder Vierjähriger das Alphabet und Schreiben und Lesen kann. Da muss man auch viel mit den Eltern arbeiten und ihnen sagen: "Das Kind kann doch gar nicht den Stift heben und der soll auch nicht den Stift heben."


Eine Gruppe Schüler führt den traditionellen Stocktanz auf

Dann finde ich es immer ganz spannend, ihnen die Frage zu stellen: "Wie haben die Kinder denn sprechen gelernt? Wie kann es denn sein, dass ein Dreijähriger spricht? Ihr habt es ihnen nicht beigebracht. Ihr habt sie nicht auf kleine Stühle und an kleine Tische gesetzt, sondern sie haben das alleine gelernt." Dann fängt bei ihnen die Reflexion an, nach dem Motto: "Vielleicht spielen die Kinder doch eine große Rolle in ihrem eigenen Lernprozess und vielleicht passiert im Gehirn doch etwas und man muss nicht alles von außen rein tun." Darum ist es so wichtig, dass das eigene Potenzial der Kinder von den Erzieherinnen erkannt wird.

 

Darüber hinaus gibt es diesen Kontrollaspekt. Nur wenn man den Nachwuchs kontrolliert, kommt etwas Gutes dabei raus. Das wiederum hat viel mit den Machtstrukturen in der Gesellschaft zu tun. Macht hat auch viel mit Wissen zu tun und wer mehr weiß und anderen erklären kann, wo es lang geht, ist besser. Da man als Erzieherin schon so wenig Wertschätzung erfährt, ist es wahrscheinlich so, dass sie dann wenigstens besser als die Kinder sind beziehungsweise es besser wissen als sie.


Mittagessen bei der "Bedayaat Association", die mit Kindern, Jugendliche und Erwachsenen in einem Sozialhausbau in Al-Minya arbeitet.

Sie selbst haben ein Kind, das mittlerweile drei Jahre alt ist und dann auch in den Kindergarten geht oder?

 

Ja, aber die Suche nach einem geeigneten Kindergarten war gar nicht so einfach. In Minya haben wir zum Beispiel jeden Kindergarten besucht, aber es war völlig inakzeptabel dort. 
Da ich wieder recht schnell, nach drei Monaten, in Vollzeit arbeiten musste, hätte mein Sohn schon mit einem Jahr in den Kindergarten gehen sollen. Aber Einjährige werden dort nur gefüttert und zum Schlafen gebracht. Das konnten und wollten wir nicht akzeptieren.

 

Dann sind wir nach Kairo umgezogen, damit mein Sohn in einen guten Kindergarten gehen kann. Dort war es aber auch nicht so einfach, eine passende Einrichtung zu finden, in dem Arabisch als eine gleichberechtigte Sprache angesehen wird. In vielen Institutionen wurde uns stolz gesagt: "Bei uns ist Arabisch verboten, die Kinder müssen entweder Deutsch, Französisch oder Englisch sprechen," weil die Eltern das eben so wollten. Dann denkt man sich, wie kann man einem einjährigen Kind überhaupt eine Sprache verbieten, und dann auch noch die Muttersprache, weil sein Vater Arabisch spricht, das hat natürlich auch emotional einen großen Wert. Dann haben wir aber schließlich einen tollen Kindergarten gefunden, der zwar auch von Deutschen betrieben wird, aber der ein Dreisprachensystem hat. Dort sind Erzieherinnen aus Deutschland, aus den USA, Großbritannien und eben aus Ägypten tätig und jeder spricht in seiner eigenen Sprache und das Kind hört alle Sprachen und mittlerweile spricht unser Junge Deutsch, Arabisch und ein bisschen Englisch - was für ein Geschenk.

 

Interview: Theresa Meier / Fotos: Hedda Gienger