Kontakt
Newsletter
Impressum
Datenschutzerklärung

Sensibler Journalismus gibt Opfern und ihren Angehörigen eine Stimme

Im Schatten der Verschwundenen

Zehntausende Menschen gelten in Kolumbien als Verschwundene. Polizei, Militär, paramilitärische Gruppen und die Guerilla haben sie gewaltsam verhaftet oder entführt, ohne dass dies als Freiheitsberaubung anerkannt wird.

Die junge Journalistin Carol Sánchez befasst sich im Rahmen des vom Zivilen Friedensdienst (ZFD) der AGEH in Kolumbien geförderten Ausbildungsprogramms für Journalisten mit der schwierigen Aufklärung dieser Menschenrechtsverletzungen im Departement Casanare. Sie hat unter den Angehörigen der Opfer recherchiert.

 

In Casanare beging in den letzten fast 30 Jahren die paramilitärische Gruppierung ACC, besser bekannt als Los Buitragueños, übelste Kriegsverbrechen. Es gibt dort hunderte von Familien, die die schmerzhaften Folgen des Verlustes von Angehörigen erleben mussten. Die Arbeit von Carol Sánchez in dieser Region zeigt, wie die Zusammenarbeit des ZFD der AGEH und seinem lokalen Partner Consejo de Redacción (CdR) eine Art der Berichterstattung fördert, die die Würde dieser Opfer des Konflikts in den Vordergrund stellt und ihren Forderungen stärkere Legitimität in der Gesellschaft verleiht.

 

In der Einflusszone von Los Buitragueños teilen die meisten Familien die Erfahrung, dass Angehörige spurlos verschwunden sind. Journalistin Carol Sánchez erzählt in einer ihrer Reportagen von diesen Familien, für die Nächte ohne Licht und mit Gewehrfeuer alltäglich waren. „Einige Paramilitärs hatten ein Haus neben uns und wir konnten aus Angst praktisch nicht schlafen“, zitiert sie Luz Mireya, die 1993 wegen der FARC aus dem Dorf Lagunitas vertrieben wurde und deren Bruder Joel Caballero zehn Jahre später von den Paramilitärs verschleppt wurde.

 

Was nötig war, um diese Reportage zu verwirklichen, berichtet Carol Sánchez im Interview. Sie erzählt von ihren Recherchen, den Prozessen der Übergangjustiz, der Zusammenarbeit mit den Opfern und der Trainingsarbeit mit dem CdR und der AGEH.

 

Was war das wichtigste journalistische Interesse, die Ereignisse aus Casanare zu recherchieren?

Carol Sánchez: In Kolumbien gab es nie einen ernsthaften Versuch, über die Verschwundenen zu sprechen, geschweige denn, sie zu finden. Dies ist nicht nur ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit, sondern auch eines, das bei den hinterbliebenen Familien schwerwiegende Auswirkungen hat. In Casanare, einem Departement mit einer landesweit besonders hohen Zahl Verschwundener, erkannten wir, dass die Anstrengungen, die der Staat eigentlich unternehmen sollte, stattdessen durch soziale Organisationen, Stiftungen und eigene Anstrengungen der Angehörigen selbst getragen werden. Dies zeigt die Widerstandsfähigkeit der Opfer.

 

In Casanare sind in den meisten Fällen Paramilitärs für die Verschleppungen verantwortlich. Da diese sich nie dem „Gesetz über Gerechtigkeit und Frieden“ unterwarfen, das die rechtliche Grundlage für die Demobilisierung der Paramilitärs im Jahr 2004 war, sitzen zwar einzelne ehemalige Mitglieder in gewöhnlichen Gefängnissen, mussten aber nie im Rahmen eines Übergangsjustizprozesses aussagen. Das sind die Dinge, die wir in unserer journalistischen Arbeit beachten müssen. Wir müssen Fakten und Daten darstellen, um zu zeigen, dass es in dieser Region ein großes gesellschaftliches Problem gibt.

 

Welche Mittel hatten Sie zur Verfügung, um die Recherche durchzuführen? Wie haben Sie die Statistiken und Daten der Opfer ermittelt?

Carol Sánchez: Der Kurs zur Übergangsjustiz, den ich bei Consejo de Redacción absolvierte, hat mir dabei sehr geholfen. Wir lernten, juristische Datenbanken zu nutzen, wie die der „Staatliche Einheit für Opferbetreuung“ oder das staatliche Einheitsregister für Opfer. Wir konnten auch auf die Daten der Opferorganisation Equitas zugreifen, die sich sehr stark für die Suche nach den Verschwundenen in Casanare engagiert.

 

Welche Herausforderungen gab es dabei, mit den Familien zu arbeiten, deren Angehörige verschwunden sind?

Carol Sánchez: Die größte Herausforderung bestand darin, einen Weg zu finden, über dieses Thema zu sprechen, ohne das Thema kleinzureden und ohne, dass die Familien das Gefühl haben, ihre Schmerzen seien für uns nicht von Bedeutung. Um sie nicht erneut zu Opfern werden zu lassen, mussten wir sensible und verantwortungsvolle Berichterstattung leisten. Die meisten Familien, die ihr Trauma bewältigt haben, sind bereit zu reden. Sie wollen, dass ihr Fall bekannt wird. Die Herausforderung besteht darin, ihnen zu verdeutlichen, dass wir nicht beabsichtigen, sie auszunutzen, sondern dass wir ein echtes Interesse daran haben, diese Probleme öffentlich zu machen.

 

Wie hat der Ausbildungsprozess im Consejo de Redacción  zur Recherche dieser Reportage beizutragen?

Carol Sánchez: Die Ausbildung hat mir geholfen, den Entwaffnungsprozess der Paramilitärs und die Arbeit der Übergangsjustiz zu verstehen. Ohne diese Basis hätte ich diese Ereignisse nicht verstanden und in meiner Arbeit nicht erklären können. Darüber hinaus stellte CdR jene Techniken und Best Practices zur Verfügung, die ich in meiner Recherche umsetzen konnte. Die größte Erkenntnis ist, dass ein Journalist nicht so tun kann, als seien die Menschen nur ein Mittel zum Zweck für seinen Artikel. Die Beziehung zwischen Journalist und Quelle muss auf Augenhöhe sein und auf Gegenseitigkeit beruhen.

 

Welche Empfehlungen geben Sie anderen Journalisten, um Artikel über die Übergangsjustiz umzusetzen?

Carol Sánchez: Die gerichtlichen Quellen sind sehr wichtig und müssen analysiert werden. Aber was wir vor allem tun sollten, ist Recherchearbeit vor Ort, um die Informationen zu überprüfen. Es ist notwendig, in die Regionen zu gehen. Wir müssen sehen, welche Auswirkungen der Konflikt auf die Menschen hat, was sie von Übergangsjustizprozessen erwarten, was ihre Forderungen sind, was sie brauchen und was sie bieten können, weil sie viele Dinge zu erzählen haben. Die Annahme, dass diese Probleme nur aus juristischen Quellen zu berichten sind, ist ein Fehler. Die Aufgabe des Journalisten ist es, den Menschen, die es am meisten brauchen, eine Stimme zu geben.

 

 

Text: Carol Valencia (deutsche Übersetzung: Charly Loufrani, Fotos: Carol Sánchez