Kontakt
Newsletter
Impressum

Ein Landesprogramm in den Startlöchern

Ziviler Friedensdienst in der Zentralafrikanischen Republik

Karin Roth ist Koordinatorin des ZFD-Landesprogramms in der ZAR. In 2016 war sie für mehrere Wochen im Land unterwegs und hat viele Gespräche mit potenziellen Partnerorganisationen geführt. Mit uns sprach sie darüber, welche Ideen für Friedensarbeit sie kennengelernt hat und wie der ZFD der AGEH diese unterstützen könnte.

 

 

CONTACTS: Sie waren in diesem Jahr für mehrere Wochen in der ZAR und kommen gerade auch von dort. Seit 2013 gibt es eine Welle der Gewalt in dem Land. Was sind eigentlich die Ursachen dafür und worum geht es in diesem blutigen Konflikt?

Karin Roth: Seit der Unabhängigkeit von Frankreich in 1960 hat die ZAR eine Geschichte gewaltsamer Machtwechsel. Wie schon in der Kolonialzeit verkaufte die jeweilige Regierungselite Konzessionen zur Ausbeutung der Rohstoffe des Landes an französische und andere internationale Konsortien. Die Bevölkerung verarmte indessen völlig. In 2013 wurde die Hauptstadt Bangui von vorwiegend muslimisch orientierten Rebellen, den SELEKA, die aus dem Norden des Landes einrückte, eingenommen. Was als Putsch gegen die Regierung begonnen hatte, eskalierte in einem blutigen Konflikt. Als Reaktion auf die Übergriffe der SELEKA gegen die Zivilbevölkerung schlossen sich die sogenannten Anti-Balaka, eine sich als christlich deklarierende landesweit agierende Miliz, zusammen. Aus meiner Sicht sind die religiösen Ausrichtungen nicht die Ursache der Konflikte, sondern dienen lediglich dazu, neue Rebellen zu rekrutieren und die Meinungen in der Bevölkerung zu polarisieren. Die eigentlichen Konfliktursachen sind die ungleiche Verteilung von Ressourcen sowie der Zugang zu Macht, Informationen und Rohstoffen, wie Erdöl, Uran und Diamanten.

 

CONTACTS: Warum gelingt es nicht dauerhaft, zwischen den Konfliktparteien zu vermitteln?

Karin Roth: Die im März 2016 neu gewählte Regierung strebt einen Wandel an, hin zu mehr Integration der verschiedenen Bevölkerungsgruppen. Aufgrund der immer noch aktiven Splittergruppen der Rebellen und Milizen im Land gelingt es aber nicht, die Gewalt einzudämmen und dauerhaft zwischen den Konfliktparteien zu vermitteln. Der Staat hat wenig Möglichkeiten der Einflussnahme, da er in weiten Landesteilen nicht handlungsfähig bzw. gar nicht präsent ist. Das 2013 von der EU verhängte Waffen-embargo schadet nicht den Rebellen, sondern nur dem Staat, der keinerlei funktionierende Armee hat, um den Rebellen Einhalt zu gebieten. Darüber hinaus ist die UN-Friedensmission MINUSCA, deren Mandat im April 2016 verlängert wurde, kaum in der Lage, für friedliche Verhältnisse zu sorgen. In der Zusammenstellung der Mission war die UN unglückliche Kompromisse eingegangen, die starke Widerstände und Spannungen hervorbrachten.

 

Es gibt einen großen Bedarf an Angeboten für die Bewältigung von Traumata und gewaltbelasteter Vergangenheit.

 

CONTACTS: Wie haben Sie vor Ort die Situation in der ZAR erlebt?

Karin Roth: Die rohstoffreiche ZAR gehört zu den ärmsten Ländern der Welt. Im Human Development Index der UN von 2014 rangiert sie an 185. Stelle von 187 Staaten. Mehr als die Hälfte der knapp fünf Millionen zählenden Bevölkerung ist von humanitärer Hilfe abhängig. Ein Viertel ist auf der Flucht. In der Hauptstadt Bangui führt die Bevölkerung nach außen hin ein vermeintlich normales Leben. Aber man spürt sehr deutlich eine große Anspannung. Aggressivität und Gewalt entzünden sich sehr schnell und auch schon an relativ kleinen Anlässen. Lebensmittel sind extrem teuer. Die Blauhelmpräsenz ist zu einer Art Normalität geworden.

 

CONTACTS: Wo sehen Sie Ansätze für Friedensarbeit in der Zivilgesellschaft?

Karin Roth: Wir arbeiten ja vor allen Dingen direkt mit Menschen. Und die Arbeit von Organisationen steht und fällt mit Menschen, das ist meine Erfahrung aus vielen Jahren Einsatz im Zivilen Friedensdienst. Zum Glück habe ich sehr engagierte Personen in der ZAR getroffen. Zu nennen sind hier vor allem die Salesianer Don Boscos, Missionare, die sich sehr stark in der Berufsausbildung engagieren. In einem Demobilisierungsprogramm sollen 500 Exkämpfer eine Berufsausbildung erhalten und in ein normales Arbeitsleben integriert werden. Hier besteht ein großer Bedarf nach Angeboten für die Bearbeitung und Bewältigung von Traumata und gewaltbelasteter Vergangenheit. Darüber hinaus habe ich Gespräche mit den Vertretern verschiedener Radiosender geführt, u.a. ein katholisches Bürgerradio und das Radio der interreligiösen Plattform, die von Vertretern dreier großer Religionsgemeinschaften (Katholiken, Muslime, Protestanten) 2014 gegründet wurde. Sie sind sehr daran interessiert, ihre Hörerinnen und Hörer mehr in die Programmgestaltung einzubinden und friedensrelevante Inhalte so zu vermitteln, dass sie ankommen und möglichst auch umgesetzt werden.

 

CONTACTS: Wie können diese Ansätze durch den ZFD der AGEH unterstützt werden?

Karin Roth: Ich sehe großes Potenzial für den ZFD im Bereich der psychosozialen Begleitung. Hier könnten wir vor allem in der Ausbildung von Multiplikatoren tätig werden. Ein großes Anliegen ist mir auch die Unterstützung der Menschenrechtsarbeit im Land. Es gibt bereits Organisationen, die hier aktiv sind und z.B. Beratung für Opfer von Menschenrechtsverletzungen anbieten. Eine gute Grundlage, um weiter dafür zu sorgen, dass die Bevölkerung ihre Rechte kennt und einfordern kann. Die Unterstützung der Medien/Radioarbeit hat für mich ebenfalls großes Potenzial. Wir können hier einiges bieten, da unser ZFD Erfahrungen aus verschiedenen Ländern mitbringt. Radio ist vor allem angesichts der vielen Lese- und Schreibunkundigen ein gutes Medium, um Informationen zu vermitteln und kann darüber hinaus gut zur Lobbyarbeit im In- und Ausland beitragen. Letztendlich kommt es darauf an, welche weiteren Kontakte sich als Multiplikatoren für Friedensarbeit ergeben. Austausch über eine mögliche Zusammenarbeit gibt es zum Beispiel auch mit der Evangelisch Lutherischen Mission in Niedersachsen, die eine Fachkraft für Friedens- und Konfliktarbeit der evangelischen Hochschule für Theologie in Bangui einsetzen möchte.

 

CONTACTS: Wo sehen Sie die größte Herausforderung bei einem Engagement der AGEH in der ZAR?

Karin Roth: Ich denke es wird sehr wichtig sein, sich Zeit zu nehmen, um die Situation im Land und den Kontext genau kennenzulernen und das Vertrauen der Menschen in den potenziellen Partnerorganisationen zu gewinnen. Das Modell der personellen Zusammenarbeit ist noch nicht sehr bekannt. Ich würde mir wünschen, dass sie den Mehrwert, den Personelle Zusammenarbeit bieten kann, nämlich eine kontinuierliche Begleitung und ein längerfristiges Engagement, spüren und nutzen können für ihr eigenes Engagement für eine friedliches Zusammenleben in der ZAR.

 

CONTACTS: Was sind die nächsten Schritte?

Karin Roth: Mit der Don Bosco Mission und dem Radio der interreligiösen Plattform werden wir in engere Auswahlgespräche gehen. Im März wird es eine Reise in die Diözese Berberati an der Grenze zu Kamerun geben, um die Möglichkeit der Zusammenarbeit mit der dortigen Justitia et Pax Kommission zu evaluieren. Anschließend findet in Bangui gemeinsam mit potenziellen Partnerorganisationen ein Workshop statt, bei dem wir vor allem eine Kontextanalyse machen werden. Darüber hinaus möchten wir den potenziellen Partnern die den ZFD und die AGEH als Organisation vorstellen, die Prinzipien der Personellen Zusammenarbeit nahebringen und mögliche Eckpunkte für die Strategie eines ZFD-Landesprogramms diskutieren. Dazu werden nicht nur Organisationen aus Bangui einladen sondern auch aus den Krisenregionen des Landes. Das Ziel für 2017 ist es, eine klar verankerte ZFD-Koordinationsstelle zu haben und zwei bis drei klar definierte Fachkraftstellen.

 

CONTACTS: Vielen Dank für das Gespräch.

 

Text: Katharina Engels, Fotos: Christoph Seelbach