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Wie Perus Andenbauern zu Umweltkommissaren werden

Mit dem Reagenzglas gegen den Bergbauernkonzern

Proteste gegen die radikale Politik des Peruanischen Staates in Sachen Bergbau sollten konstruktiv und sachlich ausgetragen werden, damit sie Erfolg haben. Die NGO Red Muqui, bildet dafür Umwelt-Bürgerkomitees aus. Ende letzten Jahres hatte die NGO zu einer internationalen Tagung eingeladen.

Mit dabei waren Teilnehmerinnen aus ganz Peru, Bolivien und Kolumbien. Im Mittelpunkt stand dabei der Erfahrungsaustausch. Auch Workshops zur Erhebung von handfesten Daten, wie z. B. der Wasserqualität, wurden angeboten.

 

El Espinar. „Hier waren früher die Weiden meines Grossvaters“, sagt Alpacazüchter Abelino Sahuinco und schaut nachdenklich auf eine 300 Meter hohe Abraumhalde in den peruanischen Anden. Im Minutentakt laden LKWs auf der ehemaligen Hochweide Tonnen von Gestein ab. Abfall aus den umliegenden Kupferminen Tintaya und Antapaccay. In dieser unwirtlichen Gegend werden Berge versetzt, um ihnen ihre mineralischen Schätze zu entreissen. Zuerst wird das Gestein gesprengt, dann Kupfer, Gold, Zink oder Molybdän mit Millionen Liter Wasser und Schwermetallen wie Zyanid herausgelöst, zuletzt wird der Abraum woanders wieder aufgetürmt. Im Tagebergbau ist alles gigantisch - die Mengen, die Größen, das Kapital. Neben den LKWs sieht ein normales Fahrzeug aus wie Spielzeug. Unter lautem Gepolter laden sie das Geröll ab und blasen dabei schwarze Dieselwolken in den Himmel. Lichtet sich der Staubschleier, gibt er den Blick frei auf riesige Abraumhalden, die je nach Mineral grau sind, braun, ocker, rostrot oder grünlich. Im Bergbau stehen Milliardeninvestitionen gegen die Interessen armer Kleinbauern. „Es ist eine zutiefst ungerechte Konfrontation“, sagt Geograf und AGEH-Fachkraft Mattes Tempelmann.

 

Kupferförderung für die deutsche Autoindustrie

Selbst er, der sonst in der Hauptstadt Lima auf Meereshöhe lebt, muss nach Sauerstoff schnappen. Auf 4000 Metern Höhe ist die Luft dünn und klar wie Glas. Die Sonne wärmt nicht, sondern sie brennt. Und sobald sie weg ist, wird es klirrend kalt. Außer Kartoffeln und Quinua, der robusten Andenhirse, wächst hier nichts. Die Menschen sind arm und leben von der Viehzucht, von Alpacas, Schafen, Kühen, und vom Forellenfang. Hierher haben sich vor Jahrhunderten die Vorfahren von Sahuinco zurückgezogen, auf der Flucht vor den spanischen Eroberern, die fruchtbareres Land in tieferen Lagen beanspruchten. Und jetzt sind die Ureinwohner wieder im Weg. Die modernen Eroberer kommen nicht mehr mit Kanonen und Pferden, sondern mit Horden von Anwälten und Geldbündeln. Es sind Bergbaukonzerne wie die Schweizer Glencore-X-Strata, die Tintaya und Antapaccay betreiben. Das dort geförderte Kupfer wird unter anderem nach Deutschland exportiert. Abnehmer sind die Auto-und die Elektronikindustrie. Durchschnittlich rund 25 kg Kupfer werden pro PKW benötigt.

 

Schwermetalle in Luft, Wasser und Boden

Von alledem keine Ahnung hatte Abelino Sahuinco, als vor knapp 30 Jahren Anwälte und Ingenieure in der vergessenen Kleinstadt El Espinar auftauchten und die Bauern von der bevorstehenden Mine informierten. „Die ersten Jahre waren gut“, erzählt der 48jährige mit der sonnenverbrannten, ledrigen Haut. „Sie schlugen ein paar Stollen in den Berg, und wir konnten den Bergleuten Forellen, Fleisch und Kartoffeln verkaufen.“ Einige fanden Anstellung bei dem damals staatlichen Bergbauunternehmen. El Espinar erlebte einen kleinen Aufschwung. Die Anwohner waren deshalb nicht abgeneigt, als die Regierung unter Präsident Alberto Fujimori im Jahr 1990 die Mine privatisierte. Doch was sie in der nun im Tagebau betriebenen Mine erwartete, hatten sie sich nicht in ihren kühnsten Träumen ausgemalt. Heute rattern im Minutentakt schwere Laster, beladen mit Metallkonzentrat oder Treibstoff über die Piste, die die einzige Verbindungsstraße an die Küste ist. Über der Stadt liegt der Staub wie eine Dunstglocke. In der Luft, im Wasser, im Boden und im Blut der Anwohner haben sich Schwermetalle angereichert. „Meinen Alpacas fällt das Fell aus, viele Stuten haben Fehlgeburten oder bringen missgebildete Fohlen zur Welt“, erzählt Sahuinco.

 

Der Staat schaut weg

Wenn solche Klagen kommen, fordert Glencore stets Beweise – und legt eigene Studien vor, denen zufolge Boden, Luft und Wasser in der Region in bester Verfassung sind. Dennoch lässt die Betriebskantine ihr Trinkwasser und Essen über hunderte Kilometer ankarren. Der Staat schaut weg, der Bergbau gilt als Zugpferd der Wirtschaft. Ein Umweltministerium gibt es in Peru erst seit 2008, die Gesetzgebung ist lückenhaft. Als 2010 eine Studie des Vikariats zusammen mit der Katholischen Universität überhöhte Werte von Blei, Kadmium und Arsen im Blut aller untersuchten Testpersonen dokumentierte und publik machte, schlug das immerhin Wogen. Eilig rief die Regierung runde Tische ein, Glencore-X-Strata versprach, die Vorwürfe zu überprüfen und stellte einen kostenlosen Veterinärsservice zur Verfügung. Der Staat verabschiedete eine „Gesundheitsstrategie“ für Schwermetalle und schickte Gesundheitsbrigaden los, die kostenlos Grippe und Verletzungen kurierten. „Es wirkte so, als würden sie etwas tun, aber das war nur Augenwischerei“, sagt Edwin Alejandro von „Red Muqui“, das in Peru vom Bergbau betroffene Gemeinden vertritt. Neue staatliche Studien widersprachen denen der Universität, versprochene Hilfen blieben aus. Erboste Anwohner gründeten daraufhin eine „Front zur Verteidigung von El Espinar“ und blockierten die Wege zur Mine. Sie wurden als radikale Brandstifter diskreditiert, der Staat stellte sich auf die Seite der Firma und schickte Sicherheitskräfte los, um die Blockade mit Gewalt zu durchbrechen.

 

Ausbildung von Umwelt-Bürgerkomitees

„Uns ist daran gelegen, solche Konflikte zu vermeiden“, sagt Edwin Alejandro. Und deshalb steht Sahuinco jetzt mit schwarzen Gummistiefeln im seichten Wasser des Cañipía-Flusses außerhalb von Espinar. Wortgewandt und mit strahlender Miene erzählt der Bauer, der gerade einmal die Grundschule absolviert hat, wie man fachgerecht eine Wasserprobe entnimmt, den PH-Wert und andere Parameter misst, die als Frühwarnsystem gelten. Mattes Tempelmann blickt ihm dabei über die Schulter, reicht ab und zu ein Reaktiv oder prüft ein Reagenzglas, greift aber sonst nicht ein.

Das wäre auch nicht nötig, denn Sahuinco beherrscht die „Global Water Watch“ genannte Methode mit dem tragbaren Labor perfekt. Zuvor haben Sahuinco und andere Aktivisten aus Espinar mit Tempelmanns Hilfe eine Karte angefertigt. Die Mine ist darauf zu sehen und die Quellen und Flussläufe im Umland. Mit der fachlichen Anleitung des Geografen haben die Bauern ihr eigenes Territorium mental geordnet – Wasserquellen, Weiden, Siedlungsgebiete. Wo fehlt eine Schule, wo eine Straße? Damit sind sie weiter als der Staat, denn Raumordnungspläne gibt es in Peru nicht. Gemeinsam haben sie die Punkte festgelegt, an denen die Wasserqualität gemessen werden soll: zwei am Oberlauf, der noch jungfräulich ist, zwei in unmittelbarer Nähe der Mine, zwei am mittleren und zwei am Unterlauf. Mattes Tempelmann leitet an, sorgt im Hintergrund dafür, dass alles Material zur rechten Zeit am richtigen Ort ist und systematisiert am Ende die Erfahrungen in Workshop-Dokumenten. Auch ein Buch über partizipative Methoden plant er zusammen mit Kollegen. Protagonisten aber sind die Betroffenen selbst, so die Philosophie von „Red Muqui“. „Noch ist die Arbeit der Umweltmonitoren rechtlich nicht verankert und zwingt den Staat nicht zum Eingreifen. „Das zu garantieren ist unser nächstes, wichtiges Ziel“, resümiert Edwin Alejandro ein wichtiges Ergebnis des Workshops. 30 solcher Umwelt-Bürgerkomitees hat „Red Muqui“ in Peru bisher ausgebildet.

 

Mit handfesten Daten die Gesetzgebung beeinflussen

Einmal im Monat wird gemessen, und wenn uns etwas auffällt, gehen wir damit zum Bürgermeister“, erzählt Sahuinco, der wie andere Aktivisten im Visier der Minenbetreiber ist, beschattet und bedroht wurde. Mit Reagenzglas und Messtabellen in der Hand lässt sich Sahuinco aber nicht mehr so leicht einschüchtern. Der 48jährige kennt inzwischen die Tricks der Bergbaukonzerne: „Die Giftschlämme werden gerne nachts eingeleitet, daher müssen wir unbedingt auch nachts messen“, erzählt er. „Wir haben ein Recht auf eine gesunde Umwelt“, pflichtet eine der Schülerinnen aus der Sekundarstufe von Espinar bei, die zur Wasserentnahme gekommen sind. Auch für sie ist der Workshop von „Red Muqui“ unter freiem Himmel ein ganz besonderes Erlebnis. Viele Teilnehmer sind von weit angereist: Aus ganz Peru und sogar aus Nachbarländern wie Bolivien und Kolumbien, wo es ähnliche Probleme mit Megaprojekten gibt. Interessiert hört Sahuinco den Kollegen aus der nördlichen Provinz La Libertad zu, die im Schlamm Insekten und Würmer zählen und so ebenfalls frühzeitig Hinweise auf den Zustand eines Gewässers sammeln. Der Erfahrungsaustausch ist ein wichtiges Ziel, ein weiteres ist es, Politiker mit ins Boot zu holen und die Gesetzgebung zu beeinflussen. „Mit handfesten Daten können die Bauern beim Bürgermeister ganz anders auftreten“, sagt Tempelmann. Aber sein Ansatz geht noch weiter: „Mittels der selbst erstellten Karten beginnen die Bauern, über Alternativen zum Bergbau nachzudenken, wie Tourismus oder Landwirtschaft zum Beispiel.“

 

Internationaler Erfahrungsaustausch

In der nördlichen Provinz Cajamarca beispielsweise waren es die Milchbauern, die den Widerstand gegen die Goldmine Yanacocha anführten, wie Sergio Sánchez, Umweltbeauftragter der dortigen Regionalregierung, erzählt. Denn die Mine gräbt ihren Rindern das Wasser ab, und ihre schwermetallbelastete Milch findet keine Abnehmer mehr. Die Regionalregierung stellte sich – in Peru eher Ausnahme als die Regel – auf die Seite der Betroffenen. Jahrelang habe man gemeinsam um die Einrichtung eines unabhängigen, international zertifizierten Labors gekämpft, so Sánchez – für den linken Gouverneur endete der Machtkampf mit dem kanadischen Konzern hinter Gittern, doch auch die Minenbetreiber mussten ihre Erweiterungspläne nach blutigen Auseinandersetzungen mit der Bevölkerung auf Eis legen. Derartige Konflikte multiplizieren sich in den Andenländern, deshalb ist der Austausch auf den Workshops für die Betroffenen sehr wichtig. „Ich habe interessante Gesetze von den Kollegen aus Kolumbien gehört“, sagt Sahuinco. „Mal sehen, ob wir so etwas auch in Peru anregen können. Und am wichtigsten für mich ist, dass ich mich nicht mehr so alleine fühle.“

 

Bergbau in Peru

Rund 20 Prozent des peruanischen Territoriums sind an Bergbaufirmen konzessioniert. Der Bergbaugürtel zieht sich über die gesamte Andenregion. Dort sind vor allem internationale Grosskonzerne tätig, während in den Flüssen des Amazonas-Tieflands vor allem informelle mittlere- und Kleinschürfer nach Gold suchen und dabei verheerende Umweltschäden anrichten.

Die wichtigsten geförderten Metalle sind Kupfer, Gold, Blei, Molybdän, Silber, Zinn und Eisen. Dazu kommen kleinere Mengen an Quecksilber, Cadmium und nicht metallische Rohstoffe wie Phosphat. 2015 trugen Bergbau, Erdgas und Erdöl zusammen 22 Prozent zum Steueraufkommen bei, womit die Extraktionsindustrie nur noch vom Dienstleistungssektor mit 38 Prozent übertroffen wurde. Metallische Rohstoffe sind zudem die wichtigsten Exportgüter des Landes. Der Bergbau trug 2015 mit 55 Prozent zu den Exporterlösen des Landes bei. Hauptabnehmerländer waren China (16,9 Prozent), die USA (13,2 Prozent), die Schweiz (11,1 Prozent), Kanada (7,4 Prozent), gefolgt von Japan, Chile und Deutschland (4,5 Prozent). Bergbau ist außerdem der Industriesektor, in den die meisten Direktinvestitionen fließen: 2014 erreichten sie 8,6 Mrd. US-Dollar. Nimmt man den Beitrag zum Bruttoinlandsprodukt (BIP), der zwischen fünf und srchs Prozent liegt, relativiert sich hingegen die Bedeutung des Sektors für die Wirtschaft. Er beschäftigt nicht einmal 1 Prozent der wirtschaftlich aktiven Bevölkerung. Abgesehen von der Verhüttung findet keine weitere Wertschöpfung vor Ort statt. Vom Bergbau gehen deshalb kaum Impulse für eine langfristige Wirtschaftsentwicklung aus.

Quellen: Zentralbank, MINEM, Grufides, Red Muqui, Misereor

 

Text: Sandra Weiss, Fotos: Florian Kopp