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Humanitäre Hilfe in der Ukraine

Nah an den Menschen

Trotz vereinbarter Waffenruhe kommt es in der Pufferzone in der Ostukraine, immer wieder zu Gefechten. Wer kann, ist schon längst weggezogen.

Das nationale Büro der Caritas Ukraine in Kiew versorgt die Gebliebenen über verschiedene Humanitäre Hilfsprojekte. AGEH-Fachkraft Dr. Monika Rosenbaum koordiniert und berät diese im Auftrag des Deutschen Caritasverband (DCV) und ist regelmäßig vor Ort. Die Journalistin Jutta Müller hat sie Ende Juni auf einer Reise nach Mariupol, in das umkämpfte Gebiet, begleitet.

 

Gegen 19 Uhr steigt Monika Rosenbaum in Kiew in den Nachtzug. Ihre Reise führt die Vertreterin des Deutschen Caritasverband (DCV) in der Ukraine diesmal nach Mariupol, eine Hafenstadt in der Ostukraine, am Asowschen Meer. Ein Teil der Stadt selbst befindet sich im umkämpften Gebiet, lag bereits mehrfach unter Beschuss. So wurde vor zwei Jahren der Caritasverband Mariupol gegründet. Diesen jungen Verband will Monika Rosenbaum besuchen.

 

Mit dem Nachtzug in die Ostukraine

Es ist heiß und stickig, der Zug ist voll. Monika Rosenbaum bezieht ein Zweierabteil, holt ihren Computer heraus. Trotz fehlender Privatsphäre wird sie auch die lange Anreise für Vorbereitungen nutzen und Absprachen treffen. Ihre Kollegen im Caritasverband Mariupol arbeiten vor allem in der Pufferzone, einem 15 Kilometer breiten Streifen entlang der Kontaktlinie. Dahinter beginnen die selbsternannten Republiken Donezk und Luhansk. Entlang dieser Linie gibt es fast täglich Beschüsse, die Menschen in der Pufferzone sind auf Hilfe dringend angewiesen. Der Zug rattert durch die Nacht in das unsichere Gebiet im Osten des Landes.

Am nächsten Morgen erreicht die Beraterin die Industriestadt Mariupol. In den Räumen der Caritas Mariupol finden bereits Beratungsgespräche mit bedürftigen Menschen statt. Angst, Krankheit und Armut sind die bestimmenden Themen. Und immer wieder die Frage: Wie soll es weiter gehen in Zeiten von Krieg und Gewalt?

Monika Rosenbaum erkundigt sich bei ihren Kollegen nach der derzeitigen Sicherheitslage. Kann sie selbst mit dem mobilen Einsatzteam in die Pufferzone reisen, um Bedürftige zu besuchen? Der Sicherheitsbeauftragte Maksym Skrypal ist im ständigen Austausch mit Militärexperten und anderen NGOs. Erst kurz vor der Abreise gibt er sein „Go“ für die Fahrt in das unsichere Gebiet.

 

Arbeiten in der Pufferzone

Am nächsten Morgen steuert das Team den Ostteil Mariupols an. Mit dabei der Projektleiter, ein Arzt und eine Sozialarbeiterin. Vor einem großen Häuserblock hält das Team an. Hier lebt Vera Veshnikovskay, eine alte gehbehinderte Dame. Sie kann sich kaum auf den Beinen halten, als sie die Tür öffnet. Aus ihr sprudelt es nur so heraus, während sie aufgewühlt von ihren Erinnerungen an Einschläge unmittelbar neben ihrem Wohnblock berichtet. Vera Veshnikovskay ist traumatisiert, denn auch ihre Krankenschwester kam bei dem Beschuss ums Leben. „Wenn ich Angst vor Granaten habe, verstecke ich mich unter meinen Kissen“, erzählt sie. Dabei sei es am besten, wenn sie sich in die Badewanne lege und mit Kissen zudecke. So schütze sie sich vor herunterfallenden Gebäudeteilen und hätte die größten Überlebenschancen. Monika Rosenbaum spricht russisch und ukrainisch. Sie hört aufmerksam zu und merkt, wie wichtig es für die alte Dame ist, über ihre Erlebnisse zu sprechen. Der Beraterin wird schnell klar: Vera ist auf medizinische Versorgung angewiesen und benötigt eine Hilfe im Alltag, zum Beispiel für den Einkauf. Denn Frau Veshnikovskay kann keine Treppen steigen, ihre Wohnung im 5. Stock kann sie nicht mehr selbständig verlassen.

 

Lebensmittelpakete und medizinische Versorgung

Monika Rosenbaum reist mit dem Team weiter, durch ukrainische Kontrollposten, in die Pufferzone. Der kleine Ort Talakovka ist ihr nächstes Ziel. Da die Lage heute verhältnismäßig ruhig ist, muss das Team keine schusssicheren Westen und Helme tragen. Im Dorf besuchen sie Maria und Anatoliy Golovko. Das alte Ehepaar erzählt, dass es täglich Schüsse hört und darunter leidet. Ihr Haus wollen beide dennoch nicht verlassen, schließlich haben sie zeitlebens hier gewohnt. Auch, wenn die Kinder mit den Enkeln längst weggezogen sind. „Wohin sollten wir auch gehen?“, fragen sie Monika Rosenbaum. Eine Mietwohnung könnten sie sich ohnehin nicht leisten, zwangsläufig nehmen sie die unsichere Lage auf vermintem Gebiet in Kauf. Dieses Schicksal teilen sie mit all den Menschen, die in der Konfliktregion bleiben, weiß die DCV-Vertreterin Rosenbaum. Lebensmittelpakete und medizinische Versorgung sind dringend erforderlich.

 

Absprachen zwischen Caritas Ukraine und Deutschland

Monika Rosenbaum betreut derzeit vier Projekte, die finanzielle Unterstützung aus Deutschland erhalten. Sie hält Kontakt zur Botschaft, zum Auswärtigen Amt (AA) und zum Bundesministerium für Entwicklungszusammenarbeit (BMZ). Außerdem bereitet sie deren Projektbesuche vor. Sie weiß: Projekte erfordern ein hohes Maß an Absprachen, technischen Anschaffungen, wie zum Beispiel Lieferwagen und Sicherheitsausrüstung, und ein akribisches Berichtswesen. Auch die Partner vor Ort müssen wissen, welche Anforderungen an das Projekt gestellt werden. Deshalb sind Rosenbaums Einsätze und Gespräche vor Ort von großer Bedeutung. „Wenn ich bei den Kollegen bin und einen unmittelbaren Eindruck der Situation gewinne, kann ich besser zwischen Vorgaben aus Deutschland und den von der Caritas festgestellten Bedarfen vermitteln“, sagt die Beraterin.

 

Sie koordiniert humanitäre Projekte an den Standorten Mariupol, Kramatorsk, Zaporizhzhia, Charkiw und Dnipro. Vermittelt immer wieder zwischen den Partnern: Welche Bedarfe hat die Caritas Ukraine, welche Hilfe kann Deutschland leisten? Es geht um humanitäre Unterstützung, um Lebensmittelpakete, medizinische und psychosoziale Hilfe und um Geldzuweisungen für die Existenzsicherung der Menschen im Osten des Landes.

 

Dr. Rosenbaum betreut auch die Projekte zum Aufbau von Sozialzentren, erst in Dnipro, seit Juni 2017 auch in drei frontnahen Städten und in Kiew. Dort werden sogenannte Hauptumschlagbasen (HUBs) gebildet, das sind zentrale Knotenpunkte, um Angebote unter einem Dach zu vereinen: Krisen- und Sozialberatung, Selbsthilfegruppen und sogenannte „Capacity HUBs“ in denen geklärt wird: Wie kann die Bevölkerung ihre Interessen politisch vertreten? Wie ein politisches Gremium einbinden? Wie am besten mit Gesetzen umgehen?

 

Perspektiven fördern

Die Nähe zur praktischen Arbeit im Konfliktgebiet ist für Monika Rosenbaum von großer Bedeutung. Bei Bedürftigen selbst nachzufragen, wie es ist als Flüchtling in einer neuen Stadt zu leben. Von Caritas-Kollegen zu hören, welche Weiterbildung sie selbst für ihre Arbeit brauchen. Nach ihrer Rückreise aus der Pufferzone versucht Monika Rosenbaum zwischen Caritas Deutschland und Caritas Ukraine zu klären: Kann das jeweilige Projekt auch tatsächlich leisten, was die Menschen in der Kriegsregion brauchen? Welche weiteren Absprachen in Kiew sind zu treffen?

Es ist eine große humanitäre Herausforderung in Zeiten von Krieg, Gewalt und Zerstörung. Die Menschen benötigen weiter dringend Hilfe, denn ein Ende der Kämpfe in der Ostukraine ist nicht in Sicht. Zugleich geht die Caritas neue Wege, fördert Selbsthilfe und aktive Gemeinschaften. Zusammen mit den Partnern im Ausland geht es um eine Perspektive für die Menschen dort.

 

Text und Fotos: Jutta Müller