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Tausende suchen nach Kämpfen Schutz

Die Kirche ist zur Stelle

Im Südsudan herrscht Bürgerkrieg. Skrupellos schüren machtgierige Politiker die bestehenden Spannungen unter den größten ethnischen Gruppen und sorgen so für andauernde blutige Konflikte. Mittlerweile sind fast vier Millionen Südsudanesen zu Vertriebenen geworden; die Hälfte davon befindet sich auf der Flucht im eigenen Land. Im Bistum Wau suchten die Menschen nach Kämpfen Zuflucht in den Einrichtungen der katholischen Kirche, berichtet AGEH-Fachkraft Sebastian Kämpf. So entwickeln sich um die Gemeindezentren Flüchtlingslager, die die Kirche managen muss.

 

In der Nacht vom 24. auf den 25. Juni 2016 erlebte die Stadt Wau im Nordwesten des Südsudan ihre wohl dunkelsten Stunden: Einige Soldaten der Regierungsarmee, die fast alle zum dominierenden Stamm der Dinka gehören und monatelang kein Gehalt erhalten hatten, waren von Rebellen angegriffen worden. In dieser Nacht fingen daraufhin viele von ihnen an, grausam Rache an den in der Stadt ansässigen Angehörigen der kleineren Stämme zu nehmen. Es kam zu Plünderungen und ethnisch motivierten Tötungen. Die Soldaten brannten eine Vielzahl von Häusern vermuteter Sympathisanten der Rebellen nieder.

 

Eskalierende Gewalt

Die Situation eskalierte in den südlichen Stadtteilen vollständig, als einzelne Rebellen vom Umland in die Stadt eindrangen, um ihre dort lebenden Angehörigen zu schützen. Bei den Schusswechseln zwischen den beiden verfeindeten Lagern verloren hunderte Zivilisten ihr Leben. In dieser Nacht und an dem folgenden Tag wurden 120.000 der etwa 300.000 Einwohner der Stadt vertrieben; rund die Hälfte davon floh aufs Land in die von Rebellen kontrollierten Gebiete. Dort harren viele bis heute unter extremen Bedingungen aus. Etwa 60.000 Menschen suchten Schutz im Camp der Vereinten Nationen oder in den vier zentral gelegenen katholischen Gemeindezentren.

Die immer wieder aufflackernde Gewalt sorgte dafür, dass viele Menschen ihr Vertrauen in die staatlichen Autoritäten verloren haben. Sie weigern sich, in ihre Häuser zurückzukehren und können gleichzeitig wegen der unsicheren Lage nicht zu ihren stadtauswärts gelegenen Feldern gelangen. Der Krieg und der extrem niedrige Ölpreis auf dem Weltmarkt haben die Wirtschaft des Landes in den Ruin gestürzt. Die einheimische Währung büßte innerhalb der letzten zwei Jahre fast ihre gesamte Kaufkraft ein, so dass sich kaum jemand Nahrungsmittel auf den Märkten leisten kann.

 

Drohende Hungersnot

Es droht eine Hungersnot, denn aus Sicherheitsgründen hat auch das Welternährungsprogramm seine – ohnehin unzureichende - Nahrungsmittelhilfe derzeit eingestellt.

Ein rasches Ende des Krieges und eine wirtschaftliche Erholung sind nicht in Sicht; viele Menschen sind verängstigt und traumatisiert. Wer es sich leisten kann, der geht – nur um meist ein ähnlich perspektivloses Leben in einem der überfüllten Flüchtlingslager in den Nachbarländern wie Sudan oder Uganda zu führen.

Es ist kein Zufall, dass sich viele tausend Vertriebene ausgerechnet in die Obhut der Katholischen Kirche begeben haben, trotz ihrer schwach entwickelten institutionellen Strukturen. Zusammen mit ihren Familien ist die Kirche für viele Menschen im Nordwesten des Südsudan der Mittelpunkt ihres Lebens. Sie gibt ihnen in Zeiten der Not Halt, Hoffnung und Orientierung. Viele der Geflohenen siedeln deshalb wie selbstverständlich in einem der vier großen Gemeindezentren der Stadt. Dies ist ihre Kirche – und wenn es so sein soll, werden sie hier auch sterben. Davon zeugt das bewegende Beispiel einer Mutter, die nach dem Abflauen der heftigsten Kämpfe ihr getötetes Kind viele Kilometer weit auf dem Arm durch die Stadt bis zum zentralen Kirchengelände trug, um es hier und nirgendwo sonst begraben zu lassen.

 

Das Miteinander betonen

Trotz allen materiellen Mangels: Kirchliche Akteure waren sofort zur Stelle, als es darum ging, den geflohenen Menschen, nicht nur den Katholiken, unbürokratisch zu helfen. Sie verteilten verfügbare Nahrungsmittel rasch. Lokale Priester und Ordensleute nahmen, genau wie die zentral gelegenen kirchlichen Schulen, tausende Flüchtlinge in ihren Räumlichkeiten auf und leisteten seelischen Beistand. Im Gesundheitswesen tätige Schwestern errichteten ein Notlazarett, um die vielen Opfer mit Brand- und Schussverletzungen zu betreuen, denn die staatlichen Gesundheitseinrichtungen waren aufgrund der Kämpfe tagelang nicht geöffnet.

Von besonderer Bedeutung für ein zukünftiges friedlicheres Miteinander der verschiedenen Stämme war und ist es, als Kirche auch den indirekten Konfliktopfern auf der anderen Seite der Stadt zu helfen, denn Plünderungen und die extreme Verteuerung von Nahrungsmitteln betreffen alle Menschen in Wau. Deshalb sind die Nothilfeprojekte der Diözese in der Regel immer so gestaltet, dass sie besonders Bedürftigen beider Seiten zugutekommen und das Miteinander betonen.

 

Beratung und Vermittlung von Kontakten

Ich arbeite als integrierte AGEH-Fachkraft mit einem einheimischen Nothilfekoordinator für das Entwicklungsbüro der Diözese. Meine Mitarbeit wird von Misereor finanziert. Gemeinsam steuern wir die nötigen Hilfsmaßnahmen.

Internationale Akteure traten erst mit einiger Verzögerung auf den Plan. Dann aber leisteten sie mit ihren größeren finanziellen und technischen Möglichkeiten einen wichtigen Beitrag, dass innerhalb der Gemeindezentren neue Brunnen und Latrinen angelegt und Plastikplanen, Moskitonetze, Seife und andere für das Überleben wichtige Utensilien inmitten der Regenzeit verteilt werden konnten. Das tun sie bis heute.

 

Mir fällt neben der beratenden Unterstützung der langfristig angelegten Entwicklungsprojekte in dieser anhaltenden Notsituation die wichtige Rolle zu, Kontakte zu ausländischen Geldgebern – zum Beispiel Hilfswerken – zu vermitteln. Ich helfe dabei mit, nach außen zu kommunizieren, welche konkrete Hilfe benötigt wird.

 

Eine solche Krise kann, allem Leid zum Trotz, zu einer echten Chance für die Diözese werden. Wenn sie es schafft, unter großem Handlungsdruck leistungsfähigere eigene Strukturen zu schaffen, die ihr auch für die mittel- und langfristige Entwicklung nutzen.

 

Text und Fotos: Sebastian Kämpf

 

Zum Autor: Sebastian Kämpf ist integrierte AGEH-Fachkraft im Entwicklungsbüro der Diözese Wau im Südsudan. Seine Mitarbeit wird von Misereor finanziert.