Vom Abiturienten zum "Sportplatzmanager" im Freiwilligendienst
Die erste Halbzeit ist vorbei. Tobias Dammers zweite Hälfte des AGEH-Freiwilligendienstes in Kisumu/Kenia läuft. Trotz langjähriger Spielerschaft beim Fußballverein Raspo Aachen Brand, wo er bis zum Abitur 2011aktiv war, stellte ihn der Freiwilligendienst beim Fußballverband KYFA (Kisumu Youth Football Association ) vor unbekannte Herausforderungen. Bei den Aachenern trainierte er die Bambini, die kleinsten Fußballer des Vereins. Trainings für Kinder und Jugendliche führt er samstags auch in Kisumu durch. Doch hauptsächlich steckt er in komplett neuen Aufgaben. Und so wie es aussieht, hat Tobias sie ganz gut im Griff.
Als er im Oktober ankam, wohnte er erst im Haus seiner Mentorin Verena de la Rey. Eine gute Situation, um sich an alles Neue wie Kollegen, Klima, Land und Menschen zu gewöhnen. Einige Wochen später bezog er die Wohngemeinschaft mit einem kenianischen Kollegen und dessen Cousin. Diesen Schritt unternahm Tobias bewusst, um kenianische Lebensart kennenzulernen und nicht nur im Dunstkreis der Freiwilligen Kisumus zu verharren. Abends kochen die drei Jungs Ugali, einen typischen ostafrikanischen Getreidebrei, mit Gemüse und Fisch oder Fleisch. Bei wichtigen englischen Fußballspielen sitzen sie mit Freunden zusammen vor dem Fernseher. Nur mit seiner Begeisterung für deutsche Vereine ist er allein. Die lockt die bei den anderen nur ein müdes Lächeln hervor.
Tobias Start bei KYFA fiel mit dem Saisonfinale zusammen, bei dem die besten Teams der jeweiligen Altersklassen ermittelt wurden. KYFA organisiert die Kinder- und Jugendfußballspiele mit über 2000 Mitgliedern. Neben der Spielfreude werden über den Sport Werte wie Zuverlässigkeit, Verantwortung und Teamwork vermittelt. Ein weiteres Anliegen ist der Aufbau und die Verbesserung der örtlichen Fußballfelder. Und da kommt Tobias Dammers ins Spiel.
Schon früh morgens um 8.00 Uhr steht er auf dem Fußballfeld, das derzeit instandgesetzt wird. Nach Feststellung der Mängel, erarbeitet Tobias einfache, sparsame Lösungen. Oft sind überflutete Felder, Unebenheiten des Bodens oder fehlende Tore das Problem. Er verfasst einen Plan für die nötigen Arbeiten und bespricht sie mit KYFA-Verantwortlichen, Dorfältesten, Schulleitern oder Partnern. Die Reparaturen werden von Bauarbeitern durchgeführt, die Tobias zusammen mit einem Trainer oder Seniorspieler, instruiert, beaufsichtigt und bezahlt. Gegen 14.00 Uhr informiert er die Chefin von KYFA, Rachelle Strawther-Okumu, über den Verlauf der Arbeiten. Später plant er mit Projektverantwortlichen und Partnern den nächsten Tag. Um 17.00 Uhr ist Feierabend und es geht zurück in die WG oder zum Fußballtraining und Swahilisprachkurs. Ein ziemlich anspruchsvoller Managementjob für einen Neunzehnjährigen, der bisher „nur“ Schüler war.
Tobias erstes Projekt betraf das Feld des gut organisierten Club in Obwolo. Das Feld hat Standardmaße, war aber oft durch stehendes Wasser unbespielbar. Von den Wasserströmen war es zerfurcht und das ebene Niveau zerstört. Tobias Vorschlag, ein Graben- und Sandsacksystem rund um den Platz anzulegen, um weitere Flutungen zu verhindern, wurde erfolgreich umgesetzt. Auf dem Platz wird jetzt wieder begeistert gekickt. „Nun sind die lokalen Autoritäten in der Verantwortung, damit zukünftig teure Instandhaltungskosten gespart werden“, sagt Tobias.
Doch es gibt auch Schwierigkeiten. KYFA investiert viel Geld und die Dörfer profitieren wirtschaftlich davon. So erlebte Tobias in seinem zweiten Projekt, dass aufgebrachte Dorfbewohner die Renovierung des Fußballplatzes stoppten, damit ein anderes Bauprojekt vorgezogen wird.
Auch am Freiwilligendienst erlebt Tobias manches kritisch. Die aufgetragenen Aufgaben beanspruchen nicht seine ganze Zeit, so dass er selbst in beschäftigungsreichen Phasen Leerlauf hat. Da er im Vergleich mit seinen kenianischen Kollegen in kürzerer Zeit, genauso viel schafft, vermutet „unsere westliche Erziehung“ dahinter, die darauf abzielt „möglichst viel, in kurzer Zeit perfekt zu erledigen“. Tobias stellt außerdem fest: „Die „kenianische“ Unpünktlichkeit erfordert viel Geduld von mir“. Und hinsichtlich der Kosten des Freiwilligendienstes, fragt er sich, ob nicht vor allem die Freiwilligen davon profitieren und das Geld direkt investiert, den Kenianern mehr Nutzen brächte. „In meinem Fall wären das ca. sechs Top-Fußballfelder“, sagt er.
Positiv stimmte ihn das fid-Begleitseminar der AGEH für jugendliche Freiwillige im tansanischen Bagamoyo. Tobias war erleichtert, dass auch die anderen Freiwilligen ähnliche Probleme haben. Die gravierendsten Punkte sind Unterbeschäftigung und die Annahme „weiß = reich“, die soziale Kontakte oft begleite. Das erlebt Tobias auch beim Materialeinkauf für KYFA, wenn er als „muzungu“ („Weißer“) mal wieder höhere Preise als Einheimische zahlen soll. Da helfen nur lange, ermüdende Diskussionen.
Insgesamt fühlt Tobias sich wohl in Kisumu. Auch wenn die Bilanz zur Halbzeit mit „nicht im Großen, höchstens im Kleinen kann man etwas bewegen“ etwas nüchtern ausfällt. Das aber berührt nicht seine Freude, mit 40-50 begeisterten Zuschauern in einer winzigen Wellblechhütte Fußball zu gucken.
Text: Ursula Radermacher, Fotos: Tobias Dammers