Brasilien als Schwellenland verfügt zwar über hohe Ausbildungsstandards und viele eigene Fachkräfte. Doch Vereine wie Aldeia da Criança Alegre im Bundesstaat Rio de Janeiro können sich zusätzliche einheimische Fachkräfte oft nicht leisten. Aufgrund einer Gesetzesänderung steht der Verein vor Umstrukturierungen. Mithilfe des DLP-Programms (Dialog und lebendige Partnerschaft) von AGEH und Misereor engagiert sich AGEH-Fachkraft Jens Rohland seit Oktober 2011 als Berater für den Verein. Er begleitet den notwendigen Veränderungsprozess. Jens Rohlands DLP-Stelle wird durch die Katholische Zentralstelle für Entwicklung, das PMK (Päpstliches Missionswerk der Kinder) und die Erzdiözese Paderborn finanziert. Mit seiner Frau Annemarie Tantz und den beiden Söhnen Julian und Valentin lebt er im ehemaligen Kinderdorf bei Nova Friburgo. Aldeia da Criança Alegre („Dorf des fröhlichen Kindes“) wurde vor über 40 Jahren gemeinsam mit Kinderdorf Rio e.V. in Oberhausen gegründet. Letzterer und das Kindermissionswerk unterstützen Aldeia da Criança Alegre schon lange Jahre.
Bis in die 90er Jahre betrieb Aldeia da Criança Alegre vier Kinderdörfer. Das war der Arbeitsschwerpunkt. Daneben unterstützt der Verein verschiedene Kindertagesstätten und Anwohnerinitiativen. Mit „Offenen Türen“ bietet er Kindern und Jugendlichen aus schwierigen Verhältnissen viele Aktivitäten an. Durch die Reintegration ehemaliger Kinderdorfkinder in ihre Ursprungsfamilien rückte die Familienarbeit im Umfeld der Kinderdörfer stärker in den Fokus. Sie ist heute neben den Kindertagesstätten und offenen Türen ein Arbeitsschwerpunkt.
Durch die Gesetzesänderung kann der Betrieb der Kinderdörfer nicht wie bisher aufrechterhalten werden, deshalb läuft ein Prozess zur Betriebssicherung. Teilweise veränderte der Verein seine Arbeit schon. So erlernen Jugendliche im ehemaligen Kinderdorf bei Nova Friburgo einen einfachen Service für Kochen, Bedienen und Wäschepflege. Damit können sie später Jobs vor Ort in der touristisch attraktiven Gegend finden.
Auch ein Pensionsausbildungsbetrieb für Jugendliche ist geplant. Er soll dem Mangel an qualifiziertem Personal Abhilfe schaffen.
Eine andere Vision orientiert sich am Modellprojekt NRW mit der Absicht, die Kinderdörfer zu Familienzentren auszubauen. In NRW gehen Sozialarbeiter in sozialen Brennpunkten aktiv auf Familien zu und fördern mit außerschulischen Bildungsangeboten eine nachhaltige Entwicklung bei Kindern. Das Modell soll nicht 1:1 übernommen werden, sondern ein passender „brasilianischer“ Weg gefunden werden. Über die Familienzentren wird durch die Kinder Kontakt zu den Familien hergestellt. Im Dialog mit ihnen kann dann geklärt werden, wo Unterstützungsbedarf ist.
„Als Berater stehe ich vor einer schwierigen und reizvollen Aufgabe“, sagt Jens Rohland. Allerdings hat sich die Zusammenarbeit anders entwickelt als erwartet. Der Beginn der Prozessberatung wurde aufgeschoben, da die Vereinsleitung die notwendige Strategie noch nicht entschieden hat. In ein paar Monaten soll die Prozessberatung starten. Sie wird die Verantwortlichen im Umgang mit verschiedenen Herausforderungen, aber nicht im Inhaltlichen, unterstützen. Das Expertenwissen für die Fragen vor Ort liegt bei den Mitarbeitern. Jens Rohland als deutscher Berater kann nur helfen, diesen Schatz zu heben und einen möglichst gewinnbringenden Einsatz für die Umstrukturierung fördern. Das ist der Kern seiner Beratungsarbeit in der nächsten Zeit.
Aktuell ist Jens Rohland in der Öffentlichkeitsarbeit und im Fundraising aktiv. Das ist für Aldeia da Criança Alegre sehr wichtig, weil auch hier neue Wege erforderlich sind. Die Arbeit in den Kinderdörfern wurde früher hauptsächlich durch Patenschaften für dort untergebrachte Kinder finanziert. Diese übernahmen meist Deutsche. Jetzt zielt die Finanzierung darüber hinaus stärker auf Unterstützer aus Brasilien. Die stark gewachsene Mittelschicht Brasiliens, sowie Personen und Einrichtungen, die dem Verein seit über 40 Jahren nahe stehen, bieten ein wichtiges Potenzial.
Erste Schritte sind bereits unternommen: Ein Newsletter informiert regelmäßig Unterstützer und Freunde des Vereins in Brasilien. Mit einer einheitlichen Corporate Identity und Veranstaltungen mit/für die lokale Bevölkerung soll die Bekanntheit des Vereins in der Region vorangebracht werden. Außerdem unterstützt Jens Rohland seine Kollegen bei der Suche und Kontaktpflege zu wichtigen strategischen Partnern. Ein Ideenpool für den Neuanfang öffnet sich durch Vorbilder wie Afro Reggae. Das Projekt in der Favela Vigário Geral in Rio de Janeiro setzt stark auf kulturelle Arbeit und die Unterstützung durch große, teils multinationale Unternehmen. Dieser Blick über den Tellerrand bietet Anregungen für die Jugendarbeit von Aldeia da Criança Alegre.
Text: Ursula Radermacher/Jens Rohland, Fotos: Jens Rohland