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Weltwunder weicht Demokratiebewegung

AGEH-Fachkraft Atsbaha Gebre-Selassie erlebt Ägyptens Wandel

 

Versammlung auf der Strasse

Ägypten war bis vor einem Jahr nicht nur bei Reisenden synonym mit dem Weltwunder der Pyramiden. Heute verbindet die Welt mit Ägypten das Gegenteil steinerner Ewigkeit: mit dem Kampf der Bevölkerung für Demokratie. Das erlebt auch Atsbaha Gebre-Selassie im 375 km von Kairo entfernten Asyut. Als Berater für ländliche und Organisations-Entwicklung  unterstützt die AGEH-Fachkraft das Entwicklungsbüro der Diözese Asyut und berät unter anderem den neuen, von Misereor finanzierten, Justice&Peace  Desk (J&P). In Asyut verliefen die Demonstrationen ruhiger als auf dem Tahrirplatz und ohne Tote. Hauptthema war wie in Kairo die Festlegung der Verfassung vor den Wahlen. Die Demonstranten wollten die demokratischen Grundrechte jeder/n Bürgers/in unabhängig vom Wahlausgang gesichert wissen. Doch dazu kam es nicht.


Derzeit läuft die dritte und letzte Runde der Parlamentswahlen. In den schon ausgezählten Wahlkreisen liegen oft die Muslimbrüder vorn, gefolgt von den Salafisten und einem demokratischen Parteienkonvolut. Atsbaha Gebre-Selassie beschreibt die Muslimbrüder als tief verwurzelt in den Dörfern, wo sie in nachbarschaftlicher Hilfe Aufgaben der Sozialhilfe übernehmen, die der Staat nicht leistet.


Atsbaha Gebre-Selassie (hinten) mit Kollegen

Der J&P Desk in Asyut bereitet die lokale Bevölkerung auf die Demokratie mit einer Diskussionsreihe zwischen den Religionen vor. Sie besteht zu 90 Prozent aus Muslimen und zu 10 Prozent aus Kopten/Christen. Nach den autokratischen Regimen Ägyptens muss Mitbestimmung erst gelernt werden, sagt Atsbaha Gebre-Selassie. Deshalb unterstützt er derzeit die Kollegen bei der Diskussionsplanung mit 20 Prozent seiner Arbeitszeit. Es wird über Verfassung, Gesetzgebung, Menschenrechte, Grundrechte und friedliches Zusammenleben zwischen Moslems und Christen diskutiert.

Einführungsvorträge von Politikern, Prominenten oder Journalisten eröffnen die gut besuchten Gespräche. Atsbaha Gebre-Selassie beeindruckte besonders der Vortrag der bekannten Journalistin Fatouma Naod, die über Demokratie, Rechte und das Zusammenleben von Christen und Moslems sprach. Sie betonte die jahrhundertealte friedliche Koexistenz beider Religionen und warb für Gespräch und Engagement beider Gruppen für die Grundrechte aller Ägypter. Für Frau Naod, eine intellektuelle, westlich gekleidete Muslimin ist Religion Privatsache. Sie plädiert für die Trennung von Religion und Staat.


Kindergartengruppe im Dorf El Zaraby mit Helferin (links) und Erzieherin

Hauptbereiche des studierten Agrarwissenschaftlers Dr. Atsbaha Gebre-Selassie sind Ländliche Entwicklung und Organisationsentwicklung. Ägyptens Landwirtschaft ist in den letzten Jahrzehnten industrialisiert worden. Ohne Mengenberechnung wird großzügig Dünger auf Anbauflächen gekippt. Zudem versalzen die Böden durch die stetige künstliche Bewässerung, die Salz aus den unteren Bodenschichten hoch spült. Das sind Folgen des Baus des Assuanstaudamms, der die natürliche Bewässerung und Überspülung der Niluferflächen mit fruchtbarem Schlamm unterband. Atsbaha Gebre-Selassie erarbeitete mit seinen Kollegen ein neues Programm, das Bauerngruppen ansprechen soll. Es klärt über Düngemittelmissbrauch auf und informiert zu Buchführung, Fruchtwechsel, Kompostierung und verschiedenen Anbaupflanzen. Einzelfallberatungen zu diesen Themen bewirkten bei den betroffenen Bauern schon Verhaltensänderungen.


Ein weiteres Problem in Ägypten ist die fehlende Praxiserfahrung von gut ausgebildeten Akademikern und Jugendlichen ohne Ausbildung. Atsbaha Gebre-Selassie, der seine Kollegen zu Frauenförderung, Gesundheitswesen und Erziehung berät, initiierte mit ihnen eine dörfliche Versammlungsreihe.


Die Gemeindebesprechung im Dorf Negarisik ist vorbei, die Kollegen diskutieren darüber.

Im oberägyptischen Dorf Deir Dronka  besprachen die  Bewohner mehrerer Orte über Ausbildungsmöglichkeiten von Jugendlichen.  So wurde über den Kontakt des diözesanen Entwicklungsbüros mit einem Kairoer Textilunternehmer folgendes vereinbart: Die Diözese stellt das Gebäude, der Unternehmer verlagert einen Teil der Textilproduktion in das Dorf Sidfa und bildet Jugendliche aus. Mit der Fähigkeit aus zugeschnittenen Stoffteilen Kleidungsstücke zu nähen, können sie sich auf dem Arbeitsmarkt auch bei anderen Unternehmen bewerben.


Geduld ist wichtig bei den praktischen Schritten im Kleinen und den großen politischen Fragen des Landes, betont Atsbaha Gebre-Selassie. Er schätzt die Höflichkeit und Freundlichkeit der Ägypter, die er in ihrer alten Kultur verortet. Und vielleicht wird nach einem erfolgreichen Wandel des ägyptischen Staates, die alte Kultur samt der Pyramiden untrennbar mit ägyptischer Demokratie gedacht werden.

 

Text: Ursula Radermacher, Fotos: Atsbaha Gebre-Selassie