Porträts  
  Katholischer Personaldienst für Entwicklungszusammenarbeit
 
       
    Alle Porträts Startseite  
           
   

Liebe Leserin, lieber Leser!

In den Porträts von Fachkräften lesen Sie,  welche Erfahrungen unsere Mitarbeiter im Ausland machen. Welche Erwartungen knüpfen sie an ihre neuen Tätigkeiten und welche Schwierigkeiten begegnen ihnen dabei? Finden Sie Antworten auf diese Fragen in den Fotostories und Interviews unserer Fachkräfte. Wir wünschen Ihnen eine spannende Lektüre!

   
         
   
 

Die Mödders leben jetzt in Liberia

Lieblingsplatz Bambusbank - Heribert und Christa Mödder erholen sich nach einem anstrengenden Tag


How de bodyoooh“ grüßt man sich auf den Straßen Gbarngas. Die Frage nach dem körperlichen Befinden kommt bei dem schwülheißen Klima in Liberias Nordosten nicht von ungefähr. Alles gehe „slow, slow“, erzählt Christa Mödder. Die Supervisorin und ihr Ehemann Heribert arbeiten seit einem halben Jahr im Zivilen Friedensdienst in der Kleinstadt Gbarnga. Drei Monate brauchten sie um sich ans Klima zu gewöhnen. Weiße gelten deshalb als „weak“, Schwächlinge sozusagen. Nicht nur das Wetter war gewöhnungsbedürftig, monatelang lebten sie ohne Privatsphäre im Gästehaus auf dem Bischofsgelände, bis sie ein eigenes Haus mieten konnten. „Zum Glück fiel ich an meinem neuen Arbeitsplatz direkt ins kalte Wasser“, sagt Christa Mödder.

Ihr Kollege Aaron J.V. Juakollie bei der Menschenrechts-Organisation FIND (Foundation for International Dignity) bezog sie von Anfang an komplett mit ein. FIND Gbarnga engagiert sich für die Einhaltung der Gesetze und verfassungsmäßig garantierten Rechte der Bevölkerung. Zwei Arbeitsschwerpunkte sind die Verbesserung der Situation von Jugendlichen in Untersuchungshaft und des Umgangs von Polizei und Krankenhäusern mit vergewaltigten Frauen und Mädchen. Mit ihrem Dienstmotorrad „brausen“ Aaron Juakollie und Christa Mödder zu ihren Einsatzorten. Das kann die Beobachtung der Beweisaufnahme der Polizei in einem Mordfall oder einer Vergewaltigung sein oder der Besuch in Untersuchungsgefängnissen und bei Richtern, wenn dort Menschen zu Unrecht oder länger als gesetzlich zulässig in Haft verbleiben.

Emmanuel wird aus dem Gefängnis entlassen, Aaron Juakollie (rechts) und Christa Mödder begleiten ihn

Aaron Juakollie ist ein engagierter, höchst zuverlässiger Kollege, der auch gegenüber zweifelhaft handelnden Amtsträgern freundlich bleibt. Seine wertschätzende Art öffnet Türen, was bei manchem inhaftierten Jugendlichen wortwörtlich, im Sinne von Freilassung zu verstehen ist. FIND sorgt dafür, dass Amtsträger ins Gespräch miteinander kommen und Entwicklungen in Gang setzen. So stand vor kurzem das Thema Jugendgefängnisse auf einer Konferenz im FIND-Büro im Mittelpunkt. Beteiligt waren u.a. Vertreter des Genderministeriums, der Abteilung der Polizei für „Women and Childrenprotection", der UN-Menschenrechtskommission, Verantwortliche der Gefängnisse und ein Radiosender.

In Liberia sind Jugendliche mit erwachsenen Straftätern zusammen eingesperrt und somit diesen ausgeliefert. Eines der vorrangigen Ziele von FIND ist daher der Bau einer zentralen Jugendstrafanstalt und die Schaffung von Rehabilitationsmaßnahmen. Letzteres glückte im Falle des 16-jährigen ehemaligen Kindersoldaten Emmanuel, der seit 2003 entweder auf der Strasse oder im Gefängnis lebte. Emmanuel lernte in einem Rehabilitationszentrum der Don Bosco Jugendeinrichtung in Monrovia sich wieder in die Gesellschaft einzufügen und nahm nach sechs Jahren wieder Kontakt zu seinem Vater auf. Danach entstand durch die Vermittlung von FIND ein Abkommen zwischen Justizministerium und Don-Bosco. Don Bosco soll in Zukunft die Rehabilitation jugendlicher Gefangener und deren Familienrückführung übernehmen. Emmanuel lernt heute Automechaniker in einer katholischen Ausbildungswerkstatt.

 

Christa Mödder und Aaron Juakollie auf dem Weg zu nächsten Einsatzort

Ein immer noch recht häufiges Delikt sind Vergewaltigungen. Zur Beweisaufnahme ist neben dem Gang zur Polizei auch der Besuch im Krankenhaus unabdingbar, um eine Strafverfolgung einzuleiten. Krankenhausärzte sind jedoch chronisch überlastet. Sie haben keine Zeit, um Fragen zu stellen und sich wirklich um die Frauen und Mädchen zu kümmern, was jedoch bei einem so schweren Übergriff bitter nötig ist. FIND bildete ein Komitee mit dem Norway Refugee Council, der UN und zuständigen Ärzten. Dort fand man eine gute Lösung. Eine Krankenschwester wird speziell für den Umgang mit vergewaltigten Frauen und Mädchen ausgebildet und bezahlt. Zwischen den staatlichen, religiösen, traditionellen und zivilgesellschaftlicher Gruppierungen herrscht Misstrauen, Streit und „Funkstille“. Auch hier vermittelt FIND auf Wunsch der Bevölkerung.

 

Aaron Juakollie (rechts) und Christa Mödder diskutieren mit lokalen Autoritäten

Christa Mödder fühlt sich bei FIND am richtigen Platz: “Diese Vielseitigkeit ist genau das, was ich wollte. Einerseits arbeiten wir direkt mit den Leuten im Dorf auf der Graswurzelebene und andererseits versuchen wir auf Institutionsebene Strukturen zu ändern“. Bei der Arbeit begegnen sich Christa und Heribert Mödder gelegentlich. Der zurzeit freigestellte Polizist ist für die Personalentwicklung und Netzwerkbildung der Justice&Peace-Commission (JPC) der Diözese Gbarnga verantwortlich. Er berät die Friedenskomitees der Pfarrgemeinden, fördert die Methodenkenntnisse der Mitglieder und plant Workshops zu Menschenrechtsarbeit. Heribert und Christa Mödder lernen über ihre Arbeit die staatlichen, religiösen und traditionellen Autoritäten kennen. Dazu gehören Polizisten, Richter, Verwaltungschefs, Älteste, Häuptlinge, Hebammen, Führer christlicher Kirchen und Muslimführer. Diese Kontakte sind für FIND und JPC wichtig, zudem bescheren sie Christa und Heribert Mödder unverhoffte Treffen an einem Arbeitsort. Die beiden freuen sich nach Feierabend einen verständigen Gesprächspartner zu haben. Christa Mödder: „Die abendliche Nachbesprechung zuhause schätze ich sehr. Ich kann den Tag Revue passieren lassen mit der Gewissheit, dass Heri versteht, wovon ich rede“.

 

Text: Ursula Radermacher, Fotos: Christa und Heribert Mödder

 

 
         
   

Arbeitsgemeinschaft für Entwicklungshilfe (AGEH) e.V. info@ageh.org -Telefon: +49/0221/8896-0