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Auf den Spuren der verschwundenen Kinder

Pro-Búsqueda vermittelt Familienzusamenführungen in El Salvador

Während des Bürgerkriegs in El Salvador wurden ca. 30.000 Kinder von ihren Eltern getrennt und oftmals ohne deren Zustimmung zur Adoption vermittelt. Die Organisation Pro-Búsqueda setzt sich seit 1994 dafür ein, die „verschwundenen Kinder“ wieder mit ihren Familienangehörigen zu vereinen. ZFD-Fachkraft Theresa Denger unterstützt die Arbeit der Organisation vor Ort.

Die Mittagssonne brennt gnadenlos auf den Schotterweg und die Wellblechdächer in „La Bomba“, einem kleinen Weiler im Westen El Salvadors. Der Pick-up, der gerade ins Dorf eingefahren ist, kommt zum Stehen. Eine ältere Frau nähert sich ihm schüchtern. Es ist Lorena Raymundo (Name von der Redaktion geändert), die Pro-Búsqueda einige Wochen zuvor um einen Besuch gebeten hat. Margarita Zamora, Koordinatorin der Ermittlungseinheit bei Pro-Búsqueda begrüßt sie herzlich und zückt dann Notizblock und Diktiergerät. Denn bei Lorenas Geschichte kann jedes Detail von Relevanz sein.

 

Ein Fingerabdruck auf weißem Papier besiegelte das Schicksal der Kinder

Vor 35 Jahren, als in El Salvador Bürgerkrieg herrschte, lebte Lorena Raymundo mit ihrer Mutter, ihrem einjährigen Sohn und ihren neu geborenen Zwillingsmädchen in einem Armenviertel in San Salvador. Um die Familie versorgen zu können – der Vater der Kinder hatte die Familie verlassen und Lorenas Mutter war aufgrund ihrer Alkoholabhängigkeit nicht in der Lage, ihre Tochter zu unterstützen – fing sie an, als Hausmädchen zu arbeiten. Da es keine andere Betreuungsmöglichkeit für die Kleinen gab, nahm sie ihre Kinder mit zur Arbeit. Eines Tages erzählte ihr die Dame des Hauses von einem Heim, das sich um Kinder in Not kümmere. Dort könne sie ihre Babys vorübergehend unterbringen und jeden Monat besuchen.

Lorena dachte nicht lange darüber nach und übergab ihre fünf Monate alten Zwillinge einem Herrn, der sich Dr. Sánchez nannte und angab, mit dem besagten Heim in Verbindung zu stehen. Zwei Monate später bekam sie erneut Besuch von ihm. Freudig berichtete er ihr, dass es den Kindern gut gehe und dass sie sie monatlich besuchen könne, wenn sie die entsprechenden Papiere unterschriebe. Dann legte er ihr leere Seiten vor, und Lorena machte, nichts Böses ahnend, ihren Fingerabdruck darauf. Tage und Monate vergingen, Lorena hörte nichts mehr von Dr. Sánchez und bekam auch ihre Töchter nicht zu Gesicht. Sie hatte keine Anhaltspunkte, wo sie sie suchen könnte, und jeder Schritt vor die Tür stellte ein Risiko dar: Erst kurz vor dem Verschwinden der Mädchen war im Gesundheitszentrum ihres Wohnviertels eine Bombe hochgegangen.

 

Die Suche dauert ofmals mehrere Jahre

Margarita Zamora drückt auf den Knopf ihres Diktiergeräts und holt ein DNA-Test-Kit hervor. Sie erklärt Lorena, dass ihre DNA-Probe zur Analyse ins Labor geschickt, und ihr Profil anschließend in die DNA-Datenbank von Pro-Búsqueda eingespeist wird. Diese enthält aktuell 1224 Profile von Familienangehörigen im Bürgerkrieg verschwundener Kinder und 320 Profile von Salvadorianerinnen und Salvadorianern, die während dieses Zeitraums zur Adoption vermittelt wurden und die auf der Suche nach ihren leiblichen Eltern sind. Mit etwas Glück könnten Lorenas Zwillingstöchter dabei sein, und die Suche wäre beendet. In den meisten Fällen ist jedoch ein langjähriger Nachforschungsprozess notwendig, der Zeugenbefragungen,

Behördengänge sowie das Abklappern möglicher Wohn-adressen der Gesuchten umfassen kann. Margarita Zamora weiß aus eigener Erfahrung, wie mühsam und langwierig die Ermittlungen sein können: Seit 1982 ist sie auf der Suche nach ihren vier verschwundenen Geschwistern, von denen jedoch bis heute jede Spur fehlt. Anstatt sich davon entmutigen zu lassen ist Zamora vielmehr umso motivierter, an der Aufklärung möglichst vieler Fälle verschwundener Kinder mitzuarbeiten, dabei aufgrund ihrer persönlichen Erfahrungen seriös und glaubwürdig aufzutreten und Zuversicht zu spenden. So findet sie auch die richtigen Worte, Lorena Mut, nicht aber falsche Hoffnungen, zu machen und ihre Suche würdigend anzuerkennen.

Seit der Gründung von Pro-Búsqueda im Jahr 1994 sind 996 Suchanfragen von zur Adoption vermittelten Kindern oder deren Familienangehörigen eingegangen. Davon konnte die kleine Nichtregierungsorganisation bereits 445 Fälle lösen, und 277 Mal ist es zu Wiederbegegnungen zwischen den verschwundenen Kindern und ihren leiblichen Familienangehörigen gekommen.

Adoptionen während des Bürgerkriegs

Während des Bürgerkriegs von 1979 bis 1992 wurden in El Salvador rund 30.000 Kinder zur Adoption vermittelt, der größte Teil von ihnen in Länder der so genannten ersten Welt. Ein Teil dieser Kinder kam unmittelbar aus dem Kriegsgeschehen. Unter Anwendung der „Strategie der verbrannten Erde“ ging das Militär sowohl gegen die Guerilla, als auch gegen die Zivilbevölkerung vor, der unterstellt wurde, die Aufständischen zu unterstützen. Vor allem im Norden und im Osten des Landes wurden ganze Dörfer dem Erdboden gleichgemacht und die Einwohner grausam ermordet – darunter viele Kinder. Später ging das Militär vermehrt dazu über, bei Kriegsoperationen die anwesenden Kinder verschwinden zu lassen. Nach Einschätzung von Eduardo García, Direktor von Pro-Búsqueda, brachten es viele Soldaten beim Anblick der unschuldigen Kinder nicht über sich, den Tötungsbefehl durchzuführen, und nahmen diese deshalb mit. Die aufkommende Praxis, die Kinder an einen anderen Ort zu bringen und ihnen eine neue Identität zu geben, ließ sich mit der Ideologie rechtfertigen, keine zukünftigen Guerrilleros heranwachsen lassen zu wollen. Schnell witterten Anwälte die Möglichkeit, mit der Vermittlung der Kinder in die Adoption – beispielsweise nach Europa oder in die USA – ein lukratives Geschäft zu machen und erzielten dabei einen Gewinn von schätzungsweise 2.000 bis 5.000 US-Dollar pro Kind.

Unter Einbindung von Kinderheimträgern, religiösen Orden, Hilfsorganisationen und Justizbeamten, die vermutlich sowohl finanzielle Interessen als auch die Aussicht der Kinder auf ein besseres Leben in wohlhabenden Ländern zur Kooperation mit den Anwälten antrieb, bekamen die Adoptionsprozesse einen humanitären und legalen Anschein.

Mit dem Ausbau dieser illegalen Strukturen verbreitete sich auch die Praxis, die kriegsbedingte Notlage armer Mütter auszunutzen und sie von ihren Kindern zu trennen. Da viele von ihnen Analphabetinnen waren, war es oftmals leicht, ihren Fingerabdruck für eine schriftliche Einverständniserklärung zu gewinnen und diese vor Gericht geltend zu machen. Andere Mütter wurden mit der Aussicht auf ein besseres Leben für ihre Kinder in der ersten Welt moralisch so lange unter Druck gesetzt, bis sie schließlich ihr Einverständnis gaben.

Im Fall der verschwundenen Töchter Lorenas gibt es vielleicht Grund zur Hoffnung: Die Einsicht in eine Gerichtsakte hat jüngst Aufschluss über die Identität der in den USA lebenden Adoptiveltern gebracht. Jetzt hängt es vom Kommunikationsgeschick Pro-Búsquedas ab, ob sich die Adoptiveltern für Lorenas Suche gewinnen lassen, um gemeinsam ein verdunkeltes Kapitel der Familien- und Landesgeschichte aufzuarbeiten.

Die Vergangenheit aufarbeiten, um Frieden möglich zu machen

Theresa Denger arbeitet als ZFD-Fachkraft mit an der Aufarbeitung der Kriegsvergangenheit in El Salvador, indem sie für Pro-Búsqueda den Suchanfragen adoptierter Erwachsener aus dem Ausland nachgeht und entsprechende Nachforschungen anstellt oder die Kommunikation zwischen Geburts- und Adoptivfamilien begleitet.

Außerdem sensibilisiert sie Studierende an der an der jesuitischen zentralamerikanischen Universität José Simeón Cañas in San Salvador für die Thematik der verschwundenen Kinder. Dabei ist es ihr ein Anliegen, die politische Dimension der Suche nach den Verschwundenen – nämlich deren Beitrag zur Aufarbeitung der Kriegsverbrechen, der in die zivilgesellschaftlichen Forderung nach Wahrheit, Gerechtigkeit und Wiedergutmachung einzahlt – ins Bewusstsein zu bringen und einen Bezug zur Aktualität aufzuzeigen.

Denn ähnlich wie damals bleiben heute in El Salvador 95 Prozent der Gewaltverbrechen ungeahndet und auch die strukturelle Ungerechtigkeit besteht weiter. Und wie damals verschwinden auch heute täglich Menschen in Armenvierteln, die Mordrate ist im Durschnitt höher als in den schlimmsten Kriegsjahren 1980–1983.

Die Suche nach den verschwundenen Kindern des Bürgerkrieges ist immer auch eine Frage nach den Verschwundenen unserer Tage und eine gesellschaftliche Anfrage an ein System, welches das Verschwinden von Menschen zulässt. Menschenrechtsorganisationen in El Salvador sind davon überzeugt, dass es ohne die Aufarbeitung der Vergangenheit und ohne die strafrechtliche Verfolgung der Kriegsverbrechen aktuell keinen Frieden geben kann.

 

Text: Dr. Theresa Denger; Fotos: Omar Centeno, Nicolás Menjívar, Margarita Zamora