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Als ZFD-Fachkraft in Israel/Palästina

Im Anderen den Menschen sehen

Raphael Nabholz (31) beschäftigt sich seit mehr als zehn Jahren mit dem Nahostkonflikt. Der gebürtige Konstanzer hat Sozialarbeit studiert und einen Master in Friedens- und Konfliktforschung absolviert. Seit 2016 unterstützt er als ZFD-Fachkraft der AGEH die „Combatants for Peace“. Der Schwerpunkt seiner Arbeit liegt im Bereich Organisationsentwicklung.

Raphael Nabholz ist darüber hinaus als Vermittler zwischen israelischen und palästinensischen Mitgliedern der Organisation gefragt. Hierbei ist seine fundierte Kenntnis der Konfliktlage und unterschiedlichen Sichtweisen in Kombination mit seiner Außenperspektive von großem Vorteil.

 

 

Was motiviert Sie, sich als ZFD-Fachkrft in Israel und den palästinensischen Gebieten zu engagieren?

Raphael Nabholz: Ich bin überzeugt davon, dass der Nahostkonflikt nicht militärisch, sondern nur durch den Willen der Menschen gelöst werden kann. Einen wirklichen Frieden kann es meiner Meinung nach nur geben, wenn Vorurteile abgebaut – und Vertrauen auf beiden Seiten der Konfliktlinie aufgebaut werden. Genau das geschieht bei den Combatants for Peace, und es macht Spaß, mit diesen engagierten und visionären Menschen zu arbeiten.

 

Was sind die größten Schwierigkeiten und wie gehen sie damit um?

Raphael Nabholz: Die bi-nationale Arbeit, also die verbindende Arbeit zwischen Israelis und Palästinensern, ist eine Stärke der Bewegung, aber gleichzeitig auch die größte Herausforderung. Meine Arbeit ist jeden Tag aufs Neue ein Drahtseilakt aufgrund der kulturellen Unterschiede zwischen Israelis und Palästinenserinnen und Palästinensern – und natürlich auch meiner deutschen Perspektive. Auch die politische Lage, die manchmal innerhalb von wenigen Tagen komplett umschlagen kann, macht uns die Arbeit nicht unbedingt leicht. Es ist beinahe unmöglich, langfristig zu planen, aber mittlerweile habe ich mir eine Art „orientalische Gelassenheit“ angewöhnt, mit der sich bisher noch jedes Problem hat lösen lassen.

 

Welche Begebenheit, welches Erlebnis hat Sie besonders berührt?

Raphael Nabholz: Ich bin ein großer Bewunderer des israelischen Schriftstellers David Grossman. Er hat dieses Jahr auf der israelisch-palästinensischen Gedenkzeremonie der Combatants for Peace vor tausenden Menschen eine sehr bewegende Rede gehalten, die Hoffnung auf Veränderung im Heiligen Land weckt – eine Hoffnung, die viele Menschen auf beiden Seiten teilen.*

 

Was hat Ihre Arbeit bereits bewirkt? Was müsste passieren, um den Erfolg der Arbeit noch zu vergrößern?

Raphael Nabholz: Im Bereich der Organisationsentwicklung haben wir bereits große Fortschritte bewirkt. Die Combatants for Peace sind in den letzten Jahren enorm gewachsen. Wir konnten insbesondere Verwaltungsabläufe, wie Projektmanagement und Finanzierung, erheblich optimieren, was auch der inhaltlichen Arbeit zugute kommt. Für die Zukunft würde ich mir noch mehr Aufmerksamkeit auf der politischen Ebene wünschen, auch von Deutschland – als Zeichen der Anerkennung, aber auch als Unterstützung für eine Zivilgesellschaft, die auf beiden Seiten oft erheblichen Anfeindungen und Angriffen ausgesetzt ist.

 

Wie bauen Menschen, die in Hass und Gewalt gelebt oder gar aufeinander geschossen haben, wieder Vertrauen auf?

Raphael Nabholz: Im Grunde genommen ist es sehr einfach: Sie sehen im „Anderen“ wieder einen Menschen und nicht mehr einen Feind. Chen Alon, einer der Gründer von Combatants for Peace hat einmal gesagt: der erste Schritt zur Versöhnung ist, sich zu seinen Taten zu bekennen. Das ist vielfach nicht einfach, aber die notwendige Voraussetzung um dem anderen ehrlich zu begegnen. Empathie ist dabei der Schlüssel – wenn ich weiß, warum der andere denkt wie er denkt, begegne ich dem anderen auf eine ganz andere Art und Weise.

 

Stellen Sie sich vor, Sie wachen eines Morgens auf und alle Konflikte sind plötzlich beigelegt. Woran würden Sie das als Erstes erkennen?

Raphael Nabholz: Ich würde morgens auf dem Weg zur Arbeit nicht mehr, wie sonst, eine halbe Stunde am Militärcheckpoint nach Jerusalem warten müssen.

 

* David Grossman (*1954) ist Autor von Kinder- und Jugendbüchern, Romanen und Essays. Für seine Werke und sein Engagement für den Friedensprozess im Nahen Osten wurde er mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, unter anderem mit dem Friedenspreis des deutschen Buchhandels 2010.

 

Combatants for Peace

Die Combatants for Peace sind eine bi-nationale Friedensbewegung, die 2006 von ehemaligen israelischen Soldatinnen und Soldaten und palästinensischen Widerstandskämpferinnen und -kämpfer ins Leben gerufen wurde. Heute ist sie die größte bi-nationale Organisation in der Region – mit neun regionalen Gruppen, die jeweils mit Menschen beider Seiten besetzt sind. Die Combatants for Peace treten konstruktiv für ein Ende der israelischen Besatzung für Gewaltfreiheit, für Gerechtigkeit und Dialog zwischen Israelis und Palästinenserinnen und Palästinensern ein. Es ist die einzige Organisation weltweit, in der bewaffnete Kämpferinnen und Kämpfer in einem anhaltenden Konflikt die Waffen niedergelegt haben und sich gemeinsam für Frieden einsetzen.

 

 

Die Kraft der Begegnung

Die Combatants for Peace bauen vor allem auf die Kraft der Begegnung. Bei sogenannten „In-House Meetings“ treffen sich ehemalige Kämpferinnen und Kämpfer beider Seiten in privaten Wohnungen und teilen ihre persönlichen Geschichten. Bei ihrer alljährlichen Memorial Day Ceremony (http://cfpeace.org/) kommen inzwischen mehrere tausend Menschen zusammen, um gemeinsam der Opfer des langjährigen Konflikts zu gedenken. Die Erfahrung zeigt: Wer sich darauf einlässt, die andere Seite kennenzulernen, hinterfragt zwangsläufig die eigene Sicht auf die Dinge. Wer in einen echten Dialog tritt, entdeckt das Verbindende und beginnt, nach gemeinsamen Lösungen zu suchen.

Mit gemeinsamen Aktionen, darunter Theateraufführungen, Lesungen, Infoabende und Führungen durch die besetzten Gebiete, bringen die Combatants for Peace Menschen in Kontakt, die sich sonst nur an Militärcheckpoints kennenlernen. Mit Protestmärschen machen sie öffentlichkeitswirksam auf ihre Anliegen aufmerksam. Seit ihrer Gründung haben die Combatants for Peace viele hundert gemeinsame Aktionen durchgeführt. Dabei sind sie aus tiefer Überzeugung der Gewaltfreiheit verpflichtet.

 

 

Text: Martina Rieken/Volker Frechen, Foto Raphael Nabholz