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„Not lehrt beten“ Spiritualität am Rande des Wahnsinns
Spiritualität als gelebte Grundhaltung der Hingabe des Menschen an Gott hat viele Gesichter. Wie aber sieht Spiritualität am Abgrund der Menschlichkeit, am Rand des Wahnsinns, in den Folterkellern, Konzentrationslagern, Bürgerkriegen, in Grenzsituationen des Menschlichen aus, in denen die Sprache „nördlich der Zukunft“ (P.Celan) liegt? Was heißt beten, wenn der Gott meines Gebetes sich aus seiner Schöpfung verabschiedet zu haben scheint, wenn die Frage, wie Gott, der Allmächtige und Gütige, so etwas zulassen kann, nur zu zornigem Schweigen oder verzweifelter Leere führen kann? Spiritualität als Bewältigungsstrategie „Coping“ bezeichnet in der Psychologie eine Strategie, um den Stress, der mit einer Belastungssituation einhergeht, bewältigen zu können. Z.B. ist das Reden mit einer vertrauten Person in einer Situation von Krankheit und Tod häufig psychisch entlastend und damit eine Bewältigungsstratgie. Ebenso gibt es „negative“ Strategien, die den Stress der Situation nur kurzfristig bewältigen helfen. Ich denke z.B. an die Situation in den Camps der Binnenflüchtlinge im Norden und Osten Ugandas, wo Alkohol und Drogenkonsum zur Lebensstrategie dazu gehören. Und leider auch die Gewalt gegen Familienangehörige, die nicht gerechtfertigt, aber verstanden werden kann als ein Versuch, mit der Hilf- und Machtlosigkeit fertig zu werden. Beten kann in diesem Sinne auch als eine Coping-Strategie gesehen werden, die mir sehr häufig bei traumatisierten Menschen begegnet ist. Trauma als eine Erfahrung des Kontrollverlustes über das Leben verwundet Gefühle von Sicherheit und Vertrauen. Wenn Menschen die Erfahrung machen, dass sie sich auf Menschen nicht mehr verlassen können und dass die Welt unvorhersehbar und unwirtlich geworden ist, dann bleibt nur das, was außerhalb dieser konkreten Sphäre liegt: die Welt Gottes. Selbst der häufig zu findende Gedanke der Strafe Gottes mag eine Bewältigungsmöglichkeit bieten: Wenn ich etwas verschuldet und mir damit die „Strafe Gottes“ verdient habe, dann bin ich wenigstens noch in Kontrolle, dann ist das Leben nicht völlig willkürlich, dann kann ich nicht völlig unvorhersehbar mein Leben verlieren. Spiritualität so gesehen hat die Funktion einer „Kontingenzbewältigung“ – auch, wenn sie immer mehr ist als das. Beten zwischen Opium und Anstoß zum Handeln Ich möchte noch unterscheiden zwischen einer Spiritualität der Vertröstung und der einer Befreiung zum Handeln. Beides habe ich in meiner Zeit in Uganda in unterschiedlicher Form erlebt. Da gab es im Frühjahr 2000 den fürchterlichen Sektenmord von Kanungu im Westen Ugandas, bei dem mehr als Tausend Menschen von einer Sekte, die das Ende der Welt predigte, umgebracht wurden. Wir wissen aus Analysen im Anschluß an Kanungu, dass ca. 70 Prozent der Menschen, die dort verbrannten, Kinder und Frauen waren, Menschen, die in der Gesellschaft an unterster Stelle stehen, die die Erfahrung von Armut und Perspektivlosigkeit jeden Tag erlebten und in der Sekte die Antwort auf all ihre Fragen sahen. Diese opiate Form von Spiritualität half ihnen, eine vermeintliche Antwort auf das unerträgliche Heute zu finden, die zwar nicht auf ein gelebtes Morgen, aber wenigstens auf ein erträgliches Übermorgen im Paradies hoffen ließ. Dagegen aber steht eine Spiritualität des „Dennoch“, aus der heraus Impulse zum Handeln kommen. Ich denke an eine junge Frau in einem Camp in Ostuganda, wo bewaffnete Viehdiebe unter unschuldigen Frauen und Kindern ein blutiges Massaker veranstalteten. Während einer Versammlung, in der die Männer Waffen für die Camps forderten, stand sie mutig gegen den Protest der Männer auf und erklärte, dass Waffen das Töten nur noch schlimmer machten. Demgegenüber könnte es helfen, mit den anderen und für die anderen zu beten, damit das Herz nicht bitter werde. Spiritualität kann also ein Bewältigungsversuch des oft Unbewältigbaren, des Überwältigtwerdens sein – oder eben Anästhetikum für quälende Fragen und Schmerz. Spiritualität in der Arbeit mit Menschen an der Grenze Es ist Teil unseres Ausbildungskonzeptes für psycho-soziale Hilfe nach traumatischen Erfahrungen in Uganda, über Möglichkeiten zur Prävention von Ausbrennen und sekundärer Traumatisierung mit den TeilnehmerInnen zu sprechen. Dabei spielt für die Helfer Spiritualität und Beten immer eine wichtige Rolle, damit sie nicht hilflos werden angesichts der Machtlosigkeit, die sie erfahren. Denn was heißt es z.B. konkret, psycho-soziale Hilfe zu leisten für eine junge Frau, die gesehen hat, wie ihre komplette Familie umgebracht wurde, die anschließend von acht Männern vergewaltigt wurde und nun mit AIDS ohne jegliche finanzielle Mittel vor sich hin stirbt? Was heißt es anderes, als dann Mensch zu sein, nicht wegzulaufen, sondern ihre Hand zu halten, ihre Tränen zuzulassen und die eigene Hilflosigkeit auszuhalten? Dies aber ist unendlich schwer. Und dafür braucht es das innere Loslassen-Können. „Wenn ich nicht einschlafen kann, weil mir die Geschichten von meinen Klienten noch im Kopf herumgehen, dann bete ich manchmal zu Gott und sage: Gott, ich weiß nicht weiter. Du mußt übernehmen, ich schaffe das nicht allein. Und dann kann ich ruhiger werden“, so beschrieb es einmal ein Teilnehmer eines Kurses in psycho-sozialer Beratung im Norden Ugandas. In diesen Momenten kann Beten eine Handlung sein, vielleicht die einzige, die noch sinnvoll ist, weil die menschlichen Möglichkeiten ausgeschöpft sind und nur noch eines überhaupt geht: Das Vertrauen darauf, dass dies nicht die Endstation sein kann, und vielleicht sogar zu fordern, dass sie es nicht sein darf. Zu Gott zu beten heißt dann in solch einer Situation auch nach der Gerechtigkeit zu schreien, “damit der Mörder nicht endgültig über seine Opfer triumphiert” (M.Horkheimer). Spiritualität in der Traumaarbeit Spiritualität kann nicht verordnet werden. Sie ist auch nicht geistliches Instant-Make-up gegen Verzweiflung. Sie bringt oft nicht weniger, sondern mehr Fragen, sie stellt sogar implizit die Frage, nämlich die Rechtfertigung Gottes angesichts des Leidens und der Unvollkommenheit der Welt. Wenn Gott gütig ist und also das Leid nicht will, dann ist er nicht allmächtig. Wenn Gott aber allmächtig ist, dann kann er angesichts des Leidens unmöglich gütig sein. Es gibt Menschen, die brechen mit Gott angesichts ihres Leidens. Die Frage nach Gott im Angesicht des Leidens war und ist für mich persönlich ein großer Stachel in meinem Verhältnis zu Gott. Ich habe keine Antwort gefunden, keine theologische zumindest, die mich wirklich hätte überzeugen können – und der Rekurs auf die Freiheit des Menschen, die doch einen Gutteil des menschlichen Leidens erklärt, ist doch letztlich nur eine vordergründig wirkliche Antwort. Sie macht Gott nicht sympathischer, denn ich sehe nicht, wieso ein abstraktes Gut der Freiheit des Menschen in der Waagschale des Universums mehr Gewicht haben sollte als die real existierende Unfreiheit, als die aufeinander geschaufelten Leichen in Auschwitz, als zerstückelte Kinderkörper oder massenvergewaltigte Frauen. Wer Spiritualität am Rande des Wahnsinns ernst meint, der kann sie wohl nur leben mit dem schmerzhaften Riss im Herzen, mit der Klage als Grundton des Gebetes. Und da fühle ich mich dem sehr nahe, was über den Theologen Romano Guardini kurz vor seinem Tod berichtet wurde: Er habe zu einem Freund gesagt, dass er im Letzten Gericht nicht nur sich fragen lassen, sondern auch selber fragen würde, und dass er hoffe, dass ihm der Engel die wahre Antwort dann nicht versagen werde, die ihm kein Buch und keine Theologie jemals beantworten hätte können: „Warum, Gott, zum Heil die fürchterlichen Umwege, das Leid der Unschuldigen, die Schuld?“ Nein, am Rande des Wahnsinns bleiben brennende Fragen. Und für mich die Notwendigkeit einer praktischen Antwort, nämlich trotz aller Fragen immer und immer wieder den Stein wie Sisyphos den Berg hinaufzurollen, dem Leiden der Welt die Menschlichkeit entgegenzusetzen, zornig zu sein, sich nicht anästhesieren zu lassen von vorschneller Spiritualisierung . Und trotz des Risses im Herzen den Gott anrufen, der Leben schafft. Ob das nicht bedrückend sei, könnte man fragen. Ich denke nein, denn bekanntlich müssen wir uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen. Simone Lindorfer Simone Lindorfer ist Diplomtheologin und Diplompsychologin. Sie arbeitete von 1999 bis 2002 in einem von Misereor geförderten Projekt mit dem Schwerpunkt „Kriegstraumatisierung und familiäre Gewalt“ in Kampala/Uganda. Arbeitsgemeinschaft für Entwicklungshilfe (AGEH) e.V. Ripuarenstr.8, D-50679 Köln,Germany Telefon: +49/0221/8896-0,Telefax: +49/0221/8896-100 E-Mail |