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„Gebt ihnen zu essen...“

Erfahrungen am Ort der wunderbaren Brotvermehrung

Seit Anfang 2000 leben Karin und Meinrad Bauer am biblischen Ort der Brotvermehrung im israelischen Ort Tabgha am See Genesareth. Sie haben die organisatorische, pädagogische und pastorale Leitung der dortigen Jugend- und Behindertenbegegnungsstätte übernommen. Wie sieht ihre Arbeit in einem von Gewalt und Attentaten geprägten Land aus?

Ein einsamer Ort

Die Begegnungsstätte Tabgha wurde von den Benediktinern der Abtei Hagia Maria Sion von Jerusalem und Tabgha Anfang der 80er Jahre initiiert. Das Ziel war, behinderten Menschen und Sozialwaisen aus allen Teilen des Landes, unabhängig von Religionszugehörigkeit und Nationalität, Erholungsmöglichkeiten anzubieten. Christlich orientierten Pilgern aus aller Welt, insbesondere Jugendgruppen, sollte Unterkunft, religiöse Begleitung und die Teilnahme am benediktinischen Leben ermöglicht werden. Neben dem Mönchskloster gibt es ein philippinisches Schwesternkloster. Gemeinsam wird zur Teilnahme an den fünf Gebets- und Gottesdienstzeiten in die aus byzantinischer Zeit stammende, wiederaufgebaute Brotvermehrungskirche eingeladen. Am Seeufer ermöglicht ein besonders schön gelegener Platz, Dalmanutha, Meditation, Gebet und Gottesdienstfeiern. Mit Blick auf den See Genesareth, die Golanhöhen und die Bergwelt des unteren Galiläa feierten dort im Jahr 2000 über 900 Pilgergruppen aus aller Welt einen Gottesdienst. In normalen Zeiten reisen täglich bis zu 120 Busgruppen zum Besuch der Kirche an. D.h. die biblische Zahl der 5000, die am Wunder der Brotvermehrung teilhaben durften, wird oft durch Kirchenbesucher erreicht. In der Begegnungsstätte mit ihren 70 Gästebetten in einfachen Zelt- und Bungalowunterkünften gibt es auch jetzt noch, trotz der angespannten Situation im Land, über 7000 Übernachtungen pro Jahr. Hinzu kommen über 3000 Übernachtungen im Gästehaus des Klosters. Etwa ein Drittel unserer Gäste kommt aus arabischen oder jüdischen Sozialinstitutionen des Landes und kann hier kostenlos übernachten. Ein weiteres Drittel sind Familien und sonstige Gruppen aus dem Land. Ein Drittel bis ein Viertel sind europäische Gäste, vorwiegend aus Deutschland, die als Volontäre, Studenten, Einzelreisende oder Gruppen zu uns kommen.

Wir leben also wie in einer Kommunität an einem der unzähligen “Holy Places” des Heiligen Landes mit dem wohlklingenden Namen Tabgha - „Siebenquell”. In der Nähe befindet sich der Berg der Seligpreisungen, Kafarnaum liegt eine halbe Stunde Fußweg entfernt. Unsere Wohnung liegt oberhalb der “Via Maris”, die in alten Zeiten vom Mittelmeer nach Damaskus geführt hatte. Es war und ist ein “einsamer Ort, eine einsame Gegend”, wie es im Evangelium heißt.

Ökumenische Ausrichtung

In unserem Umfeld treffen sich vielerlei Spiritualitäten. Jede Gastgruppe und jeder Besucher trägt zur Atmosphäre, zum “Geist” dieses Ortes bei. Wir möchten gerne versuchen, mosaikartig die teilweise weit auseinander liegenden Erfahrungen zu beschreiben. Dabei sind wir uns bewusst, dass wir selbst zeitweilige Gäste in diesem Land sind.

Hier in Tabgha ist für uns die unmittelbare Begegnung mit der Ursprungszeit des Evangeliums und dem über 2000 Jahre hinweg gewachsenen Glauben der Menschen - auch in seiner institutionellen Verwobenheit - eine der großen Herausforderungen. Die Gemeinschaft von Tabgha bemüht sich um offene Türen für alle suchenden Menschen, insbesondere Christen, die unterschiedlichen Kirchen angehören. Doch das kann auch zu Konflikten führen. Da kann es z.B. passieren, dass ein junger, italienischer Priester aufgebracht in das Pilgerbüro stürmt und fragt, ob wir denn wüssten, was in der Kirche abgehe. Es stellt sich heraus, dass die Schwestern einer evangelischen Gruppe erlaubt hatten, ihren Gottesdienst in unserer Kirche zu feiern. Für diesen Priester war es unerträglich, dass evangelische Christen in einer katholisch geweihten Kirche Gott loben und preisen wollten. Oder da erzählen uns Teilnehmer einer Pilgergruppe, begleitet von einem katholischen Geistlichen, dass den evangelischen Teilnehmern bei ihrem Gruppengottesdienst am Seeufer, das Abendmahl verweigert worden sei. “Und alle aßen und wurden satt”! Ist es vorstellbar, dass hier Jesus seinen Jüngern aufgetragen hätte, die Menschen in zwei unterschiedliche Gruppen aufzuteilen, Menschen, die am Mahl teilnehmen durften und andere, die sich in diskreter Zurückhaltung üben sollten? Besonders grotesk erscheinen diese Rechthabereien, wenn gerade während der Kommunionausteilung eines sonntäglichen Taufgottesdienstes eine koreanische Pilgergruppe die Kirche betritt, sich ohne Zögern einreiht zum Kommunionempfang, einige Fotos schießt und wieder verschwindet.

So sind wir dankbar, an einem Ort leben zu dürfen, wo es von Seiten des Klosters eine ökumenische Ausrichtung und Offenheit gibt, die eben nicht selbstverständlich ist.

Ein Ort der Öffnung

In diesem verrückten Land kann es natürlich schon eine Herausforderung sein, Franziskaner und Benediktiner oder griechisch-orthodoxe Mönche an einen Tisch zu bekommen. Die leidvolle Geschichte der letzten zwei Jahre im Lande hat jedoch die christlichen Gemeinschaften wieder mehr zusammenwachsen lassen. Gemeinsame Gebete um den Frieden, gemeinsame Aufrufe sind inzwischen selbstverständlich geworden.

Für alle “Hüter der Heiligen Stätten”, seien es Franziskaner, Benediktiner, Brüder aus Gnadenthal oder griechisch-orthodoxe Mönche stellt sich die gleiche Frage: Wie kann man den vielen Pilgern aus aller Welt begegnen? Aber auch umgekehrt, wie begegnen diese Menschen den “Heiligen Stätten”? Pilger reisen heute bequem in klimatisierten Bussen von Ort zu Ort, die Übernachtung erfolgt meist in vornehmen Hotels. Der Ursprungssinn des Pilgerns, eine Versinnbildlichung des eigenen Lebens und Suchens, scheint verloren gegangen zu sein. Erst im Angewiesensein auf Hilfe in der Fremde kann ich mich vergewissern, dass Gott uns nicht alleine lässt. Ich kann lernen, loszulassen, um frei zu sein für unser eigentliches Lebensziel: Mit den Augen Gottes die Welt lieben zu lernen und ihm darin zu begegnen.

Kann ich den Anruf Jesu “Sorgt euch nicht!” überhaupt in seiner Tiefe begreifen, wenn wir als Entwicklungshelfer gegen alle Eventualitäten sozial abgesichert leben oder als Mönche fast unkündbar einer Gemeinschaft angehören? Können wir die Gleichnisse begreifen, wo es um den Erlass von Schulden geht, wenn wir selbst nie Schulden machen mussten, selbst nie betteln gehen mussten? Können wir es uns als kirchliche Angestellte erlauben, die Kritik Jesu an der Scheinheiligkeit der Pharisäer auch auf unsere eigene Lebenssituation anzuwenden oder sind wir schon selbst immun gegen berechtigte Kritik? Es ist die Chance einer jeden Pilgerreise, die Worte des Evangeliums unmittelbar zu uns sprechen zu lassen. Die Pilger haben zeitweilig ihren Alltag verlassen, können aus einer gewissen Distanz heraus mit innerer Offenheit ganz neu lernen, sich auf das Wort Gottes einzulassen. Tabgha scheint diese Öffnung auf das Evangelium hin in besonderer Weise zu ermöglichen.

Religionsübergreifende spirituelle Atmosphäre

“Echte” Fußpilger sind selten, aber es gibt doch von Zeit zu Zeit Menschen, die sich in Europa zu Fuß aufgemacht haben, um nach monatelangem Wandern das Heilige Land zu erreichen. Wenn diese Pilger, die so viele Orte gesehen haben, in Tabgha behaupten, sie würden hier etwas ganz Besonderes, Unbeschreibliches fühlen, dann sind wir hier selbst tief berührt. Und es deckt sich mit den Eindrücken unserer jüdischen und muslimischen Gäste. Es liegt eine spirituelle Atmosphäre in der Luft, die religionsübergreifend wahrnehmbar ist. Ohne es christlich vereinnahmen zu wollen, scheinen wir Menschen mit einer Sensibilität für das Spirituelle ausgestattet zu sein, eine Sensibilität, die vielleicht in den reichen Industriestaaten des Nordens im Abnehmen begriffen ist. Wenn wir auf Wanderungen in Galiläa oder der Negevwüste bei Beduinen vorbeikommen, dann kann es sein, dass ein junger Beduine zugibt, es mit den religiösen Pflichten nicht sonderlich ernst zu nehmen. Aber deshalb glaubt er trotzdem an Allah und kann es überhaupt nicht begreifen, dass es Menschen auf dieser Welt geben soll, die nicht an einen Gott glauben.

Vom Essen zum Mahl

So erleben wir den Anruf  “Der Mensch lebt nicht vom Brot allein” auch als ein Auf und Ab. Es scheint keinen kontinuierlichen Weg zu immer neuen spirituellen Sphären zu geben, der Weg zu spiritueller Weisheit läßt sich nicht abkürzen. Im Gegenteil, manchmal kann es gerade gut tun, sich das angebotene Brot schmecken zu lassen, statt in falscher asketischer Distanz das Grundmenschliche abzulehnen. Gerade hier in Tabgha, wo in den Ferienmonaten fast jeden Tag unzählige arabische Großfamilien gerne im Schatten unserer Palmen rasten, wäre es unvorstellbar, ohne Verpflegungskisten anzurücken. Und dann ist es nahezu unmöglich, die Einladungen zur Teilnahme am Essen auszuschlagen. Ob das vor 2000 Jahren anders war? Das gemeinsame Essen und das Einladen von Gästen spielt im Orient eine große Rolle. Erst dadurch scheint das Essen wirklich zu einem Mahl zu werden, das unausgesprochen auch eine spirituelle Dimension hat. Die deutschen Gäste erleben wir da wesentlich spröder. Einladungen zum gemeinsamen Essen sind vergleichsweise selten. In Deutschland scheinen wir die körperlichen und geistlichen Bedürfnisse völlig getrennt zu haben, ja sie scheinen einander unversöhnlich gegenüberzustehen. Vielleicht aber gehört zur körperlichen und seelischen Gesundheit die volle Integration beider Bedürfnisse ohne das schlechte Gewissen, dabei etwas Unanständiges zu tun. Jesus scheint der Ruf eines “Fressers und Säufers” wenig gestört zu haben.

Ein Ort existentieller Fragen

Das Nachdenken über all diese Zusammenhänge kommt aus einem beschaulichen, friedlichen Flecken Erde, als gäbe es hier nicht seit Jahren einen zermürbenden Bürgerkrieg und fast täglich neue, schlimme Nachrichten. Wir hatten die bedrohliche Situation dieses Landes nicht gesucht und doch versuchen wir zu ergründen, was den Menschen hier die Kraft gibt, all die Ungewissheit, die tägliche Angst zu ertragen. Obwohl wir vergleichsweise kurz in diesem Land leben, kennen wir zu fast jedem der unzähligen Anschläge Menschen, die diesen Anschlägen knapp entronnen sind. Menschen danken Gott dafür, dass sie vor Selbstmordattentaten bewahrt wurden, indem sie z.B. zufällig einen anderen Weg nahmen. Eines dieser vielen Erlebnisse gehört zu einem italienischen Priester, der zehn Minuten vor der Detonation einer Bombe in der Jerusalemer Hebrew University die Cafetería verließ. Er sollte eine Gruppe mit 20 Mailänder Jugendlichen vom Flughafen abholen. Hätten die Eltern der Jugendlichen Druck gemacht, die Reise abzusagen, wäre dieser Priester heute wohl nicht mehr am Leben. Vier seiner Studienkollegen sind bei diesem Anschlag umgekommen. Einige Tage später stand er unangemeldet mit seinen Jugendlichen bei uns vor der Tür und bat um Unterkunft. Sollte er Gott danken für seine Rettung oder ihn verfluchen für den Tod von vier Freunden? Es sind sehr existentielle Fragen, die hier aufbrechen können und um die man sich nicht herummogeln kann.

Wenn wir abends am Vespergebet der Mönche teilnehmen, dann ist das eine Standortbestimmung, ein Reflektieren über den zurückliegenden Tag. Wir sind dankbar für diesen Ort, für Mönche und Schwestern, die ihre Aufgabe vornehmlich im Gebet sehen, für Zivis und Volontäre aus Deutschland, die sich einlassen auf ein völlig neues Leben und dankbar für einheimische Angestellte, die uns ebenfalls von ihrem Glauben, ihren Hoffnungen und Sehnsüchten erzählen. Wir sind froh über unsere Gäste, die offen sind für Begegnungen, seien es Juden, Christen oder Muslime, Behinderte und Nichtbehinderte. Manchmal meint man eine leise Stimme zu hören, “Gebt ihr ihnen zu essen…”.

Karin und Meinrad Bauer

Karin und Meinrad Bauer leiten seit 2000eine Jugend- und Behindertenbegegnungsstätte in Tabgha in Israel. Getragen wird das Projekt von der Hagia Maria Sion Abbey in Jerusalem mit finanzieller Unterstützung u.a. aus Mitteln des Kinder- und Jugendplans des Bundes.

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