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Schulkantinen und Gewaltfreie Kommunikation

Kein Frieden mit leerem Bauch
Schüler waschen sich die Hände vor dem Essen.

Das Entwicklungsbüro und die Justitia et Pax Kommission der Diözese Muyinga (Burundi) haben zwischen 2010 und 2013 ein Programm umgesetzt, das die beiden Elemente Schulspeisung und Gewaltfreie Kommunikation ¹(GFK)  kombiniert. Die Finanzierung erfolgte aus ENÜH-Mitteln (Entwicklungsorientierte Not- und Übergangshilfe) des BMZ über Caritas Deutschland.

17 Grundschulen in zwei Gemeinden wurden mit Schulkantinen und der notwendigen Infrastruktur ausgestattet, um allen Schülern eine warme Mahlzeit pro Tag servieren zu können. Als angestrebte Wirkung des Programms wurde die Senkung der Schulabbrecherrate definiert. Bisher brachen Schüler die Schule ab, um an Schulen zu gehen, in denen bereits Schulspeisungsprogramme umgesetzt wurden, oder aber endgültig, um ihre Eltern bei der Arbeit im Haus und auf dem Feld zu unterstützen. Ein weiteres Ziel war die Erhöhung des Mädchenanteils an den Schulen bis zum Ende der Projektlaufzeit.

Da es bei dem Programm unter anderem um Ressourcenverteilung ging, waren Konflikte vorprogrammiert. Nach Ablauf des ersten Jahres wurde evaluiert und beschlossen, das Programm um die Komponente GFK zu erweitern, die von der Justitia et Pax Kommission der Diözese umgesetzt wurde.
Daraufhin wurden Schulleiter und Lehrer geschult. Letztere fungierten als Ressourcepersonen, die mit den anderen Lehrern, den Schülern und deren Eltern arbeiteten, um Aufklärungs- und Sensibilisierungsarbeit zu leisten und über Methoden zu informieren, die die Kommunikation verbessern und Konflikte friedlich lösen helfen. Begleitet wurden diese Maßnahmen durch einen Koordinator, der sicherstellte, dass alle Beteiligten die Möglichkeit bekamen, regelmäßig Feedback zu Erfolgsgeschichten und Schwierigkeiten zu geben.


Kinder machen ein Rollenspiel, um sich einer alltäglichen Situation bewußt zu werden, die Konfliktpotential enthält.

Warum war dieses Programm in Bezug auf die Konflikttransformation so erfolgreich und warum ist es für den Erfolg von Konflikttransformationsmaßnahmen so entscheidend, friedensfördernde und entwicklungsfördernde Maßnahmen zu kombinieren?

Wir arbeiten in einem Land, in dem zwischen 1993 und 2005 ein Bürgerkrieg herrschte, dessen Folgen noch zu spüren sind. Ein Bürgerkrieg zerstört nicht nur Leben, Gebäude und Institutionen, sondern auch Hoffnung und Vertrauen². Dies verändert die Menschen und ist ein Grund dafür, dass es ihnen schwer fällt, sich auf langfristige Pläne einzulassen. Schulbildung bedeutet zwar auf lange Sicht gesehen eine Verbesserung der Lebensumstände, bedarf aber auch eines gewissen Maßes an Vertrauen darauf, um wertgeschätzt werden zu können. Für die meisten Menschen stellt selbst die Deckung des Grundbedarfs eine Herausforderung dar. Hätten sie die Wahl, würden sie sich sicher eher für einen Sack Reis entscheiden, statt an einer Reihe von Schulungen teilzunehmen, die ihnen in 5 Jahren ein besseres Leben ermöglichen.

Anreize sind also nötig, um die Menschen überhaupt in die Lage zu versetzen, an langfristige Verbesserungen zu denken. Ein solcher Anreiz kann die Deckung des Grundbedarfs sein oder aber die Chance, Erlerntes im Alltag anzuwenden und eine sofortige Verbesserung zu sehen. Wichtig ist ferner, dass das Programm alle Beteiligten der unterschiedlichen hierarchischen Ebenen miteinbezieht. Dies erhöht das allgemeine Verständnis und damit die Unterstützung für die Umsetzung der Maßnahme.


Die Mutter einer Schülerin spricht über eine Konfliktsituation zuhause. Sie ist eine der TeinehmerInnen des Übungsseminars für Eltern.

Das burundische Bildungsministerium, Schulleiter, Lehrer, Eltern und Schüler wurden in das Programm eingebunden, was dabei half, Verständnis und Unterstützung zu fördern. Das Programm erlaubte den Beteiligten Erlerntes anzuwenden und Feedback geben zu können. Durch das Programm wurde die Grundversorgung mit Lebensmittel der Kinder gedeckt und die Eltern mussten sich darum keine Sorgen mehr machen. Darüber hinaus gab es eine weitere Komponente zur Verbesserung der landwirtschaftlichen Anbaupraktiken, sodass die um die Schulen herum lebenden Familien ebenfalls vom Programm profitierten.

Welche direkte Wirkung hatte das Programm?

Die geschulten Lehrer waren stolz auf ihre neuen Fähigkeiten und wurden zu Botschaftern der Gewaltfreien Kommunikation in der Gemeinschaft. Sie erlebten, wie ein verändertes Verhalten ihrerseits zu einer veränderten Einstellung der Schüler ihnen gegenüber führte, und das sprachen sie aus. Sie entwickelten Alternativen zu körperlicher Gewalt, um die Ordnung im Klassenzimmer zu gewährleisten. Darüber hinaus fungierten  sie als Vorbild für die Schüler, die sich am Verhalten der Ressourcepersonen ein Beispiel nahmen.

Angst, die aus den hierarchischen Strukturen heraus entstand, nahm ab und gegenseitiger Respekt nahm zu. Das Selbstvertrauen der Beteiligten stieg und sie trauten sich, Probleme in den Schulen zu thematisieren (Schüler untereinander und Lehrern gegenüber, Eltern Lehrern und Lehrer Schulleitern gegenüber und untereinander, etc.). Das kann direkt auf die Sensibilisierung und Aufklärung aller Beteiligten auf unterschiedlichen Hierarchieebenen zurückgeführt werden. So kann sich z. B. ein Schüler sicher sein, dass der Lehrer die Regeln der GFK kennt und dadurch die angesprochenen Probleme/Sorgen besser versteht.


SchülerInnen bei einer Übung, die den Sinn für Kooperation stärkt.

Zu Konflikten kam es bei der Essens- und Materialausgabe trotz allem immer wieder. Außerdem war die Machtstellung einiger Schulleiter ein Problem.

Allerdings erwies sich dieses Problem auch als eine Chance. Diejenigen, die an den Aufklärungskampagnen und GFK-Schulungen teilgenommen hatten, und sahen, dass sich ein Konflikt anbahnte, hatten plötzlich eine Gelegenheit das Erlernte anzuwenden, was sie meist mit Erfolg taten. Das erhöhte die Wertschätzung, die dem GFK-Ansatz entgegengebracht wurde, und das Verständnis für dessen Bedeutung beim Wiederaufbau einer funktionierenden Gemeinschaft. Darüber hinaus führte es zu einer Verhaltensveränderung der Führungspersonen und verbesserte dadurch die direkte Wirkung der Schulspeisungskomponente.

All das führt uns zur Schlussfolgerung, dass Prozesse der Konflikttransformation immer von entwicklungsfördernden Maßnahmen begleitet werden sollten. Das erlaubt nicht nur den Grundbedarf der Menschen zu decken, sondern schafft auch einen Rahmen, in dem die Beteiligten neu erlernte Fähigkeiten anwenden und sich somit deren Erfolgschancen bewusst werden können.

Text/Fotos: Karin Roth
Karin Roth ist ZFD-Fachkraft der AGEH und arbeitet als Beraterin und Trainerin für  Friedens- und Entwicklungsarbeit in Burundi.


Eine der Begleitpersonen der gewaltfreien Methode zeigt die Übung "Giraffe", die für friedliches Verhalten steht.

¹  Die Gewaltfreie Kommunikation (GFK) ist eine Kommunikationslehre, die Anfang der 1960er von Marshall B. Rosenberg entwickelt wurde. Es geht dabei darum, die Bedürfnisse der Anderen zu respektieren, um auf dieser Grundlage harmonische Beziehungen aufbauen und schmerzhafte Konflikt- oder Kommunikationssituationen vermeiden zu können. GFK kommt häufig bei Konfliktbewältigungsprozessen zum Einsatz. Im Zentrum stehen dabei die Selbstemphatie (Bewusstsein für die eigene, innere Erfahrung), die Empathie Anderen gegenüber (Bereitschaft Anderen einfühlend zuzuhören) und eine ehrliche Ausdrucksweise (authentische Art Dinge zu sagen, die bei Anderen Mitgefühl weckt).
Der Ansatz basiert auf der Annahme, dass alle Menschen mit Anderen mitfühlen können. Gewalt Anderen gegenüber wird dann angewandt, wenn man aus Not oder Angst heraus keine Alternative sieht, um sich selbst zu schützen. Gewaltfördernde Denk- und Kommunikationsstrukturen (psychische oder körperliche Gewalt) sind oft kulturell bedingt und werden an die Kinder weiter gegeben. Die GFK-Lehre besagt, dass menschliches Verhalten stets vom Willen bestimmt wird, die Bedürfnisse zu befriedigen, die alle Menschen haben und die an sich nie im Konflikt miteinander stehen. Harmonie kann erreicht werden, wenn alle Menschen in der Lage sind, ihre eigenen Bedürfnisse und die der Anderen zu identifizieren und die Gefühle zu verstehen, die diese Bedürfnisse hervorrufen.

 

²  Pouligny, B. (2005) ‘Civil Society and Post-Conflict Peacebuilding: Ambiguities of International Programmes Aimed at Building ‘New‘ Societies‘, Security Dialogue, Vol. 36(4), S.495-510.